Korrespondenz 1915 – Verzeichnis
Mai 1915
Juni 1915
Juli 1915
August 1915
Mai 1915
Martha Musil an RM, 25. Mai 1915


Datum: 25. Mai 1915
Ort: Pergine / Palai
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/7/6
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
abends
unter dem Tisch
Liebster!
Mir ist so, als hätte ich etwas vergessen, als fehlte mir etwas, und das bist Du. Das klingt sonderbar, aber Du mußt es verstehen. – Ich kann nicht an-Dich-an-uns denken. – Wir bleiben noch bis morgen nachmittag hier, haben Marschrouten bis Innsbruck. Ich will wieder zurückkommen. Du mußt mich rufen, evtl. über Lavis nach Cembra. –
Der Dankl und der Pichler sollen hier Armeekommandanten sein und der Cönnen Dworak (oder wie der heißt) ist Subrayonskommandant in Innsbruck. – Das höre ich eben, denn wir sitzen alle zusammen im Zimmer von Pospischils, bei Voltolino, bei sehr schlechtem Sekt, der noch aus Levico stammt. Ich wohne in dem Hotel Pergine im Zimmer von Frau Happak, weil nirgends Platz ist.
Die Italiener sollen sich ziemlich weit von der Grenze Primolano zurückgezogen haben, angeblich, weil sie Sprengungen für 42er gehalten haben. Hier sind sehr viele Standschützen, aber die Bayern werden nur telephonisch (mit Absicht) weitergegeben, in Wirklichkeit scheinen sie nicht zu existieren. Aber Ihr bekommt noch Maschinengewehre und etwas Artillerie, wenn sie heraufkommt, hoffentlich kommt alles zur Zeit.
Auf Wiedersehen!!!
Tausend Küsse
Deine Martha
Bei unfrankierten Briefen muß rechts oben stehen: „Unfrankiert wegen Bergung des Postautos“, aber in einigen Tagen bekommt Ihr die Feldpostnummer. Der Apotheker aus Levico ist auch arretiert – und der Gemeindesekretär.
Deine Martha
Martha Musil an RM, 25. Mai 1915


Datum: 25. Mai 1915
Ort: Bozen / Palai
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/4/1
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Ich bin schon so weit fort und soll nun noch weiter gehen. Ich gebe Deine Schriften in die Bank in Innsbruck, damit ich frei bin, wiederzukommen. Du mußt mich rufen! Es gibt doch auch viele Frauen im Krieg, auch die Königin von Belgien war jetzt bis zu den vordersten Schützengräben. – Wir fahren heute nachmittag fort; ich bin sehr unglücklich, weil man hier doch nah ist und alles hört.
Es soll vorläufig ganz gut stehen: in Giudicarien (Bezecca) sind die Italiener zurückgeschlagen, haben 150 Tote gelassen, auch bei Cortina sind sie zurück. In Kufstein stehen 350.000 Deutsche, auch Leibgarde. – Hier kommt jetzt Kavallerie her. – Heute früh von vier bis sechs ist Vezzena vom Monte Maggio beschossen worden. Hier hört man doch alles, und ich kann es Dir dann melden, während man nur ganz unverfängliche Feldpostbriefe schreiben darf.
Bitte schreib wieder Namen: für Palai = Paul; z. B. Paul abgereist zu Carl = Cembra; und rufe mich, wenn es irgend geht: ich muß kommen.
Tausend Tausend
Deine Martha
Hoffentlich könnt Ihr die Artillerie hinaufbekommen, ich glaube, sie geht heute noch fort.
Martha Musil an Robert Musil , 25. Mai 1915


Datum: 25. Mai 1915
Ort: Bozen / Pergine
Typ: Postkarte
Archiv: ÖNB – 1006/4/2
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Lieber Robert!
Bis Bozen gekommen, aus Versehen im Flüchtlingszug, daher in Trient nicht möglich auszusteigen, mit Bajonett zurückgehalten, in Bozen jetzt beim Abendbrot am Platz; – grade Siegesnachrichten gelesen, Ancona, Rimini und Venedigs Arsenal erfolgreich beschossen, ein italienischer Zerstörer wurde lahmgelegt, die Mannschaft, 35 Mann und der Kommandant ergaben sich. Wir fahren heute nacht 1.30 nach Innsbruck weiter, das einzige, was mich hinzieht, ist die Hauptpost.
Tausend Küsse
Deine Martha
Die besten Grüße Herrn Major Alberti.
Südwestlich, an der Kärntner Grenze, haben die Alpini mehrfach angegriffen (Grenzplänkeleien), wurden abgewiesen und kehrten um.
Wir freuen uns über die Siege der Österreicher. Hurra.
Dora Happak
Herzlichste Grüße!
Anna Alberti
Viele Grüße
Josefine Pospischil
ANNINA Marcovaldi an Martha Musil, 28. Mai 1915
Liebe Mama!
Heute morgen habe Deinen Brief aus Palai bekommen und mittags Dein Telegramm aus Innsbruck. Es ist sehr schade, daß Du nicht dableiben konntest oder wirst Du wieder hin fahren können? Ich hoffe, bald einen Brief von Dir zu erhalten und auch Papas Adresse zu erfahren. Hoffentlich kommt Papa an einen ungefährlichen Ort. Jetzt sind meine Ferien leider wieder zu Ende. Wir waren mit Prof. Caspers und noch einer Freundin von Margot 2 Tage im Spreewald, es war sehr schön. Frau Held hat mir jetzt das grüne Kostüm gemacht, es ist sehr hübsch geworden. Es wäre so schön für Dich, wenn Du in Papas Nähe bleiben könntest, aber als Pflegerin müßtest Du doch einen Kursus durchmachen und dann wäre es doch viel zu anstrengend für Dich. Für Papa wird es doch nicht so gefährlich sein, als Adjutant. Jetzt wirst Du wohl nicht so schnell von Papa Nachricht bekommen, da mußt Du Dich auch nicht ängstigen, denn der Postverkehr nach Südtirol ist doch jetzt beschränkt.
Bitte schreibe mir recht bald.
Viele Küsse
Martha Musil an Robert Musil , 29. Mai 1915


Datum: 29. Mai 1915
Ort: Berlin / Innsbruck
Typ: Ansichtskarte
Archiv: ÖNB – 1006/4/3
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Weißt Du, daß ich sehr gut noch hätte bleiben können!!! Wahrscheinlich erhältst Du die Karte gar nicht, daher schreibe ich nichts als
Gruß und Kuß
Deine Martha
Gaetano Marcovaldi an Hanna Caspar, 29. Mai 1915


Datum: 29. Mai 1915
Ort: Torri di Montaione / Berlin
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1005/7/1 Beilage 1
–> Gaetano Marcovaldi
–> Hanna Caspar
Liebe Zia Hanna!
ich habe Anninas Karte bekommen. Das Ministerium hat, wie zu erwarten war, die Reise nicht erlaubt.
Ist Mama nach Berlin zurückgekehrt? Ich bin jetzt nach dem Examen der dritte von achtundachtzig Schülern.
Meine Punkte sind:
Italienisch: 18
Mathematik: 17
Geographie: 19
Geschichte: 20
Englisch: 19
Französisch: 18
Zeichnen (geometrisches): 18
Botanik, Zoologie, Anatomie: 18
Werkstatt: 13
Schreib mir, bitte, was in meinem Zeugnis stand.
Ich weiß nicht, ob der Brief durchkommt, denn man muß Italienisch schreiben. Wie geht es Robert?
Viele Grüße für Zio Jacques, Annina.
Viele Grüße
Dein Gaetano
Juni 1915
Martha Musil an Robert Musil , 1. Juni 1915


Datum: 1. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkarte
Archiv: ÖNB – 1005/29/5
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Keine Nachricht von Dir! Und Du keine von mir. – Ich glaube auch nicht, daß Du diese bekommst, weiß noch nicht einmal sicher die Feldpostnummer. – Öde und traurig. Bleib gesund und hab mich lieb.
Deine Martha
Ich hab´ jetzt ein Zimmer: sehr hübsch, aber viel Lärm, weiß daher noch nicht, ob ich bleibe. Die Größe und Einrichtung des Zimmers würde Dir zur Arbeit lieb sein.
Tausend
ANNINA Marcovaldi an Martha Musil, 1. Juni 1915


Datum: 1. Juni 1915
Ort: Berlin / Innsbruck
Typ: Postkarte
Archiv: ÖNB – 1005/29/5
–> Martha Musil
–> Annina
Liebe Mama!
Heute habe ich Deine Karte erhalten, sie ging nur 3 Tage. Willst Du in Innsbruck bleiben? Könntest Du nicht Roberts Schriften jemandem aufzuheben geben, falls Du wieder fortreisen würdest? Ich werde Robert jetzt Feldpost schreiben, weil ich doch nicht weiß, wo er ist. Bist Du oft mit Fabers und der Gräfin zusammen?
Hauptmann Pospischil muß doch jetzt auch fortgekommen sein, denn er kann doch nicht mehr in Pergine geblieben sein, verträgt er es denn mit seiner Wunde? Ich soll Dich noch einmal fragen, ob ich beichten soll oder nicht, ich tue es ja nicht gerne, aber jetzt bin ich doch vorbereitet und dann habe ich es einmal getan. Ich brauche nicht, weil ich gesagt habe, daß Du nicht willst.
Viele Küsse
Deine Annina
Franz Blei an Martha Musil, 1. Juni 1915


Datum: 1. Juni 1915
Ort: Berlin / Innsbruck
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1005/4/4
–> Martha Musil
–> Franz Blei
Liebe Frau Musil!
Endlich! Seit Monaten endlich eine Nachricht von Ihnen! Auf welcher Cima di Brenta reitet Musil? Warum ist er nicht besser im Hauptquartier? Dort kann er doch das Stück fertig machen, nach dem alle fragen. Oder ist es fertig? Kann ich es bekommen? Von mir: Ich war drei Wochen in Wien und Ungarn, was sehr interessant war, aber brieflich nicht mitzuteilen. Dann hab ich ein Buch Politische Betrachtungen fertig gemacht, das jetzt bei Fischer ist. Dann sollte ich im Lessingtheater spielen. Das hab ich nach drei Proben wieder abgesagt, weil es mir doch zu blöd vorkam. Dann muß ich mich in Bereitschaft halten. Das Vaterland fängt an mit mir zu kokettieren. Wenn ich los muß, werfe ich meine italienischen Sprach- und Ortskenntnisse in die Waage und diene unter General Musil. Sonst schreibe ich meine Memoiren, weil mir nichts Gescheiteres einfällt und Fischer mir dafür eine kleine Rente zahlt.- Wo ist Allesch? Bitte um Musils Reiterbildnis! Ich will mit der Literatur zu Pferd renommieren.- Billy ist in München bei meiner Schwägerin, deren Mann, der Bruder meiner Frau, in Valenciennes an einer Blutvergiftung – er war Militärarzt – von einer Operation gestorben ist. Schade, war ein prachtvoller Kerl. Meine Frau schreibt selbst. Peter ist ganz kriegerisch. Wo steckt Annina?
Herzlichst Ihr
Blei
Ea von Allesch an Martha Musil, 2. Juni 1915





Datum: 2. Juni 1915
Ort: Wien / Innsbruck
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/21/1
–> Martha Musil
–> Ea von Allesch
Liebste Frau Doktor!
Fand jetzt abends Ihre Karte vom 1. Juni und ist die Schnelligkeit ja fabelhaft, mit der die Karte kam. Ich schrieb Ihnen natürlich nach Levico einen Tag noch vor Kriegsausbruch oder zwei – und war seither recht in Sorge um Sie. Nachdem, wie damals die Mobilisierung auf Sie gewirkt hatte, stellte ich Sie mir in schrecklichen Bildern vor. Aber ich schrieb Ihnen schon nach diesem Ort, den Sie mir im letzten Brief angaben – mit gleichnamigem Hotel – weiß momentan nicht den Namen – daß dem Doktor ganz sicher nichts passiert, – er ist ein Glückskind. – Sie werden sehen. Wo Allesch ist, weiß ich nicht genau – sie haben von Trebinje aus einen „Ausflug“ gemacht – doch ist es noch gefährlicher, denke ich, als in Tirol – na – vederemo.
Was sagen Sie zu Ihren Italienern?
Ich kann momentan nicht weg von Wien – werde sogar nach Klosterneuburg müssen – was sehr fad ist. Sie gehen also nicht nach Berlin? Was sagte der Doktor? Und wie hat er sich benommen – gleichgültig, interessiert am Kommenden – oder unlustig? Bitte antworten! Mir ist schon sehr mies! Und wie gut es uns ginge – wenn nicht Italia la bella so unfein wäre. Wann denken Sie, wird das enden? Und was ist mit dem Drama? Paa, liebste Frau Doktor, ich wünsche Ihnen vom ganzen Herzen, daß Sie nicht zu bedrückt sind und es Ihnen so gut wie möglich gehe.
Viele Grüße Ihrer
Emma Rudolph
Seit Ihrer absagenden Depesche keinerlei Nachricht bekommen! Doch ja – diesen einen Brief mit der neuen Adresse noch – auch noch lange vor Kriegsausbruch. –
Martha Musil an Robert Musil , 3. Juni 1915

Datum: 3. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/4/5
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen, tausendmal auf Wiedersehen. Ich habe mich so gekränkt, daß ich vergessen hatte, Dir das beim Abschied zu sagen, und ich habe mich so gekränkt und kränke mich noch, daß Du mich fortgeschickt hast. Die Sicherheit ist mir doch ganz gleich, ich will leben, und das kann ich nur mit Dir. Du hättest das dem Major klarmachen sollen, ganz gleich, was seine Frau tut. – Ich bin überall hinverstreut – wie Asche einer Toten. Alles an mir sucht und ist fühllos, weil es Dich nicht findet, tastet wie Polypenarme. Du, Du treuloser. Bist gern allein. Du bist doch gern allein, wenn Du auch Sehnsucht nach mir hast.
Ich bin in einem sehr angenehmen Zimmer, so gemütlich geschmacklos, wie es Dir zur Arbeit lieb ist. Habe sehr viele Bücher und Zeitschriften (der Mann, der fort ist, ist Theaterkritiker), ich las in den Süddeutschen Monatsheften einen Angriff auf Hauptmann. Stellen aus seinem „Lohengrin“, der sonst totgeschwiegen wird, zitiert. Leider ist solch ein Straßenlärm (von der Elektrischen), daß mein Kopf davon ganz groß und tönend geworden ist, – wenn ich mich nicht daran gewöhne, muß ich ausziehen. Die Gräfin wohnt in ihrer Wohnung, wir treffen uns abends. Fabers gehen wieder fort, etwas weiter südlich, es ist bedauerlich – wegen der Nachrichten. Wurden Dir nicht vor einigen Tagen von Pospischil meine telephonischen Grüße bestellt? Faber hatte ihn gesprochen.
Wenn Du irgendeine Möglichkeit weißt, daß ich kommen kann, ruf mich gleich. Ich gebe jedenfalls morgen Deine Schriften zur Bank, damit sie in Sicherheit sind.
Innsbruck ist hübsch, amüsante Gassen und Häuser. Mit Dir wäre ich gern einige Tage hier … Sehr guter Kaffee … Ich abonniere Dich auf die Innsbrucker Nachrichten. Vielleicht bekommst Du sie pünktlich, es steht viel darin.
Carl Ritter von Schuller ist gefallen, ich fürchte, es ist unser Kadett.
Schreib alles, was Du brauchen kannst. Vielleicht kann man schon „Muster“ schicken. – Ich möchte auch hellseherisch sein – Dich sehen, fühlen.
Deine, Deine Martha
Tausend Küsse und Glück!!wünsche zum Namenstag.
Martha Musil an Robert Musil , 3. Juni 1915


Datum: 3. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/4/6
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Endlich – Geliebter! –
Deine Karten vom 29. und vom 2. –
Ich zerfalle ganz.
Tausend Küsse, Deine Martha.
Bleib gesund.
Ich schreibe Dir heute noch ausführlich.
Annina Marcovaldi an Robert Musil, 3. Juni 1915


Datum: 3. Juni 1915
Ort: Berlin / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1005/33/6
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Lieber Papa!
Ich gratuliere Dir sehr zu Deinem Namenstag und wenn es geht, will ich Dir auch Schokolade schicken. Hoffentlich bist Du in keiner gefährlichen Lage. Leider werde ich Dich jetzt lange nicht sehen können, oder vielleicht doch, denn als Du in Trafoi und in Levico warst, habe ich das auch gedacht. Ich weiß ja jetzt gar nicht, wo Du bist, aber ich hoffe doch, daß es Dir gutgeht. Ich denke sehr viel an Dich, lieber Papa, und jetzt auch fast immer als Papa. Denkst Du auch manchmal an Deine kleine Tochter? Du wirst mir wohl nicht schreiben, denn ich denke mir, daß Du nicht einmal Mama jeden Tag schreiben kannst. Aber Du mußt manchmal an mich denken, ich denke sehr viel an Dich und werde Dir auch oft schreiben.
Ich liebe Dich sehr.
Viele Küsse
Deine Annina
Hermine Musil an Martha Musil, 4. Juni 1915




Datum: 3. Juni 1915
Ort: Brünn / Innsbruck
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1005/26/3
–> Martha Musil
–> Hermine Musil
Liebe Martha!
Nach langem, hartem Warten erhielten wir heute endlich, wie ich Dir schon mittels Karte nach Innsbruck mitgeteilt, Deine Zeilen vom 25. Wenn wir auch annehmen, daß Euer gänzliches Verstummen auf die reduzierte Postbeförderung zurückzuführen sei, so atmeten wir doch erleichtert auf, als liebe Kunde von Euch kam. Ich dachte mir wohl, daß Deines Bleibens im Gebirge nicht von langer Dauer sein könnte und hoffte nur immer, daß der richtige Zeitpunkt wahrgenommen wird, daß Du ungefährdet von dort noch abkommen kannst. Wenn ich nur wüßte, ob Robert die Sendung mit den Socken und Lebensmitteln noch erhalten hat, die zweite Sendung, in welcher ich ihm so viel zur Aufbesserung verpackte, bekam ich leider vom Postamt zurück. – Soeben lief Deine Karte noch aus Pergine (?) ein, vom 17. durch Deinen Brief vom 25. überholt. – Das Manuskript hat mir so Sorge gemacht – nun wirst Du samt demselben in Innsbruck wohlgeborgen sein, behalte es nur immer bei Dir, es wäre doch ein Unglück, wenn es in Verlust geriete. Für Roberts geistiges Eigentum, das ihm seine Zukunft ebnen soll, wäre es vielleicht am besten, wenn Du es nach Rücksprache am Postamt rekommandiert an uns aufgeben würdest, aber erst dann, wenn schon wieder bessere Verbindungen sind, denn jetzt braucht ein Brief 6-8 Tage. –
Nun bist Du mitten im Herzen von Tirol, und wirst gestern bei der Rückeroberung Przemyzls Eindrücke empfangen haben, die Dir unvergeßlich bleiben dürften. Die kaisertreuen, biederen Tiroler werden den gestrigen Tag wohl festlich mit Begeisterung und Jubel gefeiert haben. Auch hier, bis 12 Uhr Nachts, fanden stürmische Kundgebungen statt, die einem das Herz warm und weit machten. Kein Mißton von anderer Seite, alles verlief in schönster Ordnung. Wir blicken voller Zuversicht in die Zukunft und hoffen das Beste. – Hörst Du oft von Robert, von Innsbruck aus könntest Du ihn vielleicht mit manchem versehn, und Dinge schicken, die ihm die Kost verbessern, von hier aus geht es derzeit nicht – aber von einem Geschäft aus könntest Du ihn versorgen lassen, damit er sich gut nährt, denn die Verpflegung dürfte nicht allzu üppig sein. Die Anspannung der Nerven ist doch groß, somit wäre es gut, wenn man nachhelfen wollte. Schokolade, Kakao, Suppenwürfel zum Verbessern der Suppe, Kolaschokolade und Durststiller von Zitronen. – Wohin hat sich die Gräfin gewendet, und wo wohnst Du, privat oder in einer Pension.
Schreibe uns nur recht oft und teile uns mit, was Du von Robert hörst, hoffentlich bekommen wir auch von ihm selbst Nachricht. –
Im Panorama, das einzige Vergnügen, das ich mir im Kriegsjahr geleistet habe, sah ich all die Orte, wo ihr im Winter wart, alle, bis auf die letzte, die fehlte – schön habt ihr es gehabt und auch jetzt können wir dem Schicksal dankbar sein. – Bitte bald um Antwort und Beantwortung der Fragen. – Ich habe für Robert auch Cakes gebacken, könnest Du ihm dieselben vielleicht auf rasche Art zukommen lassen, dann würde ich sie Dir senden. Papa regt sich sehr auf, ich bin aber ganz ruhig – und voll Zuversicht auf einen guten Ausgang. –
Behüt Dich Gott, grüße Robert viel-, vielmals und sende bald wieder Nachricht an uns.
In Liebe
Mama
Martha Musil an Robert Musil , 5. Juni 1915


Datum: 5. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/4/8
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute zwei Karten: vom 29. und 3. und der Brief von Hanna mit Deinem Gruß; jetzt wirst Du auch schon von mir Nachricht haben und dadurch merken, daß ich noch hätte bei Dir sein können. Heute war ich schon sehr tätig: habe mich hier nach Malern und Studienateliers umgesehen. Aber es gibt nichts, alles fort, – ein Professor, der in der Nähe – mit Schülerinnen – am Land ist, hat in einer Kunsthandlung gräßlich langweilige Bilder ausgestellt. Dann habe ich (ab 15.) ein Zimmer mit großem Balkon in einer guten Pension gemietet, vielleicht male ich dort. Jedenfalls wird es doch besser sein als in meiner jetzigen Wohnung; besonders abends kann ich mich jetzt schwer unterbringen. Mein Körper spaziert in den Straßen, um sich zu ermüden, und mein Geist ist im Dunkeln. Denn ich bin nicht hellseherisch geworden. Leider (möchte auch hellfühlerisch sein). Ich traf heute im Café Baronin Gautsch und Tochter, sie sind in Nanders, nah von hier, sagen, es sei sehr schön, ich soll hinkommen, die Ruhe für die Augen und der Waldgeruch haben viel Lockendes, aber vorläufig bleibe ich doch hier; es wäre wohl auch recht langweilig. (Die Baronin knarrt wie eine Tür, es hört sich gut an, aber lohnt nicht die Anstrengung des Aufpassens.) Deine liebe Munsi hat heute geschrieben, die aufrichtige Freundin, der herzliche Mensch. Ich hatte sie aufgefordert, hierher oder in die Nähe zu kommen, sie schreibt, daß sie jetzt von Wien nicht fort kann (und von später überhaupt nichts). Nur: „Also Sie gehen nicht nach Berlin.“ (Sonst sehr herzlich.) Du wirst doch daran glauben müssen, daß „Ihre Blondheit“ nur den Herrn Doktor meint, wenn Sie uns besuchen will. Ich werde ihr Deine Feldadresse schreiben, sie hat zwar nicht darum gebeten, aber sie soll nicht denken, daß ich … bin. Ich werde ihr auch grade so freundlich schreiben wie sonst. Von Allesch nichts Neues. – Fühlst du dich ganz frei? Wo bin ich? Irgendwo weit weg? Eine liebe Stelle in einem Buch? Ist Erdgeruch nah? Und Jauche? Und starkes Buntes mit übersonntem Gesicht? Ich werde ein Tagebuch schreiben. Du auch!
Deine Martha
Schreib mir postlagernd.
Alfred Musil an Martha Musil, 5. Juni 1915


Datum: 5. Juni 1915
Ort: Brünn / Innsbruck
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1005/23/1
–> Martha Musil
–> Alfred Musil
Liebste Martha!
Hermine schrieb Dir gestern Brief und Karte bereits nach Innsbruck, vergaß jedoch, Dich zu ersuchen, falls das Postamt in Pergine bereits geschlossen sein sollte, um gütige umgehende Mitteilung, unter welcher Adresse wir nunmehr Robert schreiben können; Ich trage daher diese Bitte nach. – Da Du Robert so nahe gerückt bist, wirst Du auch viel früher als wir Nachricht von ihm bekommen können, daher ersuchen wir Dich herzlich, uns durch öftere Nachrichten über ihn, sein Befinden und seine sonstigen Verhältnisse am Laufenden zu erhalten. – Ich schrieb Robert vor 3 Tagen, natürlich unter der uns bekannten Adresse. Ob er wohl unser Postpaket vom 22. Mai, welches noch anstandslos angenommen wurde, erhalten hat? Es enthielt die gewünschten Socken und Eßwaren. – Die Manuskriptsendung, die uns Robert mit Karte vom 18. Mai anzeigte, ist bis heute nicht eingetroffen und beruhigen wir uns damit, daß er sie wahrscheinlich nicht absandte; Bitte auch darüber um Mitteilung. –
Alles Herzliche,
Gruß und Kuß!
Papa
Martha Musil an Robert Musil , 6. Juni 1915


Datum: 6. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/4/9
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute früh schickte ich durch Vermittlung meinen Brief fort, bitte schreib, ob Du ihn schneller bekommen hast als die Karten. Heute nichts von Dir. Trüber Namenstag. – Hitze. Abgespanntheit. – Nachrichten von Bleis, ich schickte Dir seinen Brief. Ihr Bruder, Militärarzt, ist an Blutvergiftung gestorben.
Willst du nicht auch Fisch… eine Karte schreiben?
Palu steht immer vor mir: Weiß und grün, sanfte Kurve. (Ich glaube, dabei kann nur ich mir etwas denken.)
Tausend
Deine Martha
Hermine Musil an Martha Musil, 6. Juni 1915


Datum: 6. Juni 1915
Ort: Brünn / Innsbruck
Typ: Postkarte
Archiv: ÖNB – 1005/26/4
–> Martha Musil
–> Hermine Musil
Liebe Martha!
Gleichzeitig mit Deiner Karte kam heute auch eine Karte von Robert mit der Mitteilung seiner Adresse und der Beruhigung, daß es ihm derzeit noch gut gehe, ob er gut verpflegt ist, schreibt er nicht. Du bist darüber jedenfalls orientiert, bitte um Mitteilung. Wir haben Dir bisher dreimal nach Innsbruck geschrieben, hoffentlich hast Du alles erhalten, bitte vergiß nicht mitzuteilen, ob Robert das Paket in Palai noch erhalten hat. Ich hoffe Dich nun samt dem Manuskript gut in Innsbruck aufgehoben. Jetzt lernst Du erst eigentlich die Bedeutung des Krieges kennen, denn in der Stadt wird man stündlich daran gemahnt. Auch das marternde Warten auf Nachricht muß man lernen. – Robert wird Dir, so oft es nur seine Zeit erlaubt, gewiß schreiben, aber trotzdem vergehen Tage, bis man wieder liebe Botschaft bekommt. Lasse nur stets daran teilnehmen
Deine liebenden Eltern
Vielleicht machst Du den Versuch, eine kleine Feldpostsendung mit Schokolade oder sonstigen Gütern zur Aufbesserung zu senden, ein kleines Schächtelchen und in ein paar Tagen wieder eines, könnte Robert doch sehr willkommen sein. Nur nichts, was dem Verderben ausgesetzt ist. In meiner ersten Sendung war auch eine Riesensalami. Hat sie Robert erhalten? Sende ihm etwas zum Durst löschen.
Martha Musil an Robert Musil, 7. Juni 1915


Datum: 7. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Postkarte
Archiv: ÖNB – 1006/4/12
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Versuchsweise diese Karte. Ich hoffe immer noch, daß Du nachträglich alles bekommst; Gleichzeitig schicke ich Dir eine andre. – Die Eltern fragen, ob Du das Paket noch bekommen hast. – Ich gebe morgen Deine Schriften in die Centralbank als Depot. – Blei schrieb sehr nett (auch Frau Blei – ihr Bruder starb -), wieder tausend Möglichkeiten. Wenn er dienen muß, will er es unter General Musil. – Warum Du nicht im Hauptquartier bist, das frage auch ich. – Bekommst Du die Innsbrucker? Ich lasse sie direkt schicken, damit es schneller geht. Das Gefühl, daß, was ich schreibe, nicht in Deine Hände kommt, stört mein Schreiben. Ich will es wieder mit einem sicheren Brief versuchen.
Tausend Küsse
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 7. Juni 1915


Datum: 7. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/4/13
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Geliebter!
Eben Dir in Eile Cakes gekauft und geschickt, fürchte, daß sie nicht gut sind, aber wenn Du sie so gut ansiehst wie das bisher Gesandte, werden sie Dir vielleicht schmecken. Ich schreibe und schreibe immer, kann gar nicht glauben (obwohl ich es glaube), daß Du nichts bekommst. – Ich habe die Erlaubnis, die wichtigen Effekten noch zu holen, muß nur noch auf Geld warten, das ich bei Deinen Eltern bestellt habe. Nach Brünn scheint die Post auch von hier schlecht zu gehen, dagegen nach Berlin und Wien gut. – Jeden Tag schreibt man mir wegen der Maklervereins-Aktien und ich verstehe gar nichts davon. Man will nur 90° dafür zahlen, nicht 100°. Die anderen geben sie nicht dafür, aber ihnen macht es auch nichts aus, wenn sie einige Jahre liegenbleiben; – ob ich sie trotzdem geben will – fragt man … Mir ist alles ganz gleich. Du. Du.
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 7. Juni 1915


Datum: 7. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB 006/4/11
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Zwei Karten, vom 4. und 5., in meine Wohnung! Und zwei Karten, vom 27. und 1.VI., finde ich eben auf der Post. Unbegreiflich, daß Du nichts von mir bekommst, habe täglich geschrieben. Karten und auch Briefe. Der gemeinsame Brief wird aber hoffentlich heute ankommen. Heute das erste Mal Dein Bedauern, daß ich fort bin. Hätte ich nur nicht nachgegeben! Du kluges Ei! Immer denke ich daran, zurückzufahren. Man braucht einen triftigen Grund. Wichtiges Gepäck, das ich nicht mitnehmen konnte … – Ach, es ist ein Elend. Wann?
Tausend Küsse Deine
Martha
Ich schreibe gleichzeitig eine Postkarte nach Florutz. Schreib hauptpostlagernd, ich zieh´ wieder aus. Das Zimmer ist sehr schön, aber ich kann nicht schlafen.
Martha Musil an Robert Musil, 7. Juni 1915

Datum: 7. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 006/4/10
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Da Du keine Nachricht von mir bekommst, versuche ich es so. Eben auch Deine Karte vom 6. erhalten. Ich habe erreicht, daß ich noch hinfahren könnte. Soll ich? Soll ich warten, daß Du mir antwortest? – Ich allein … Mit der Bahn würde ich bis Pergine fahren und dann hinauf. Ich bereite alles vor, wie schlafwandelnd zufällig, ohne Absicht.
Tausend Küsse Deine
Deine Martha
Habe heute schon zwei Karten geschrieben, – jeden Tag.
Martha Musil an Robert Musil, 8. Juni 1915


Datum: 8. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 006/4/14
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute eine Karte vom 28. Mai. (Gestern vom 6. Juni.) Ob Du auch jetzt alles von mir bekommen hast? – Mir ist heute so schwer, schon nachts. Gestern sind wir (die Gräfin und ich) bis zwölf Uhr spazieren gewesen, dann gar nicht geschlafen. Heute bin ich allein, vielleicht sehe ich die Damen abends. Frau Faber ist auch noch hier. – Innsbruck ist nicht unsympathisch: nur sehr heiß und sonderbar unruhig, ich meine nicht den Lärm, also eher beunruhigend, als ob etwas immer von Berg zu Tal Purzelbäume schießt. – Du weißt jetzt schon, daß ich nicht mit Frau Rudolph zusammentreffen werde; es ist mir viel lieber so; ich vertrage besser fremde Menschen. Denk nicht, daß ich gekränkt oder böse bin, sie ist ein netter Mensch, aber mein erstes Urteil über sie war zutreffend. Später können wir ja wieder verkehren (sie kann bei uns Marken kaufen!). – Heute habe ich Deine Schriften in die Bank gebracht – Centralbank – mit 20.000 Kronen Wertangabe, geschlossenes Depot (nicht im Safe, weil es so rechtzeitig in eine andre Stadt geschafft werden kann. Ein Paket in wasserdichter Leinwand kreuzweise geschnürt, mit vier Siegeln: K. N., Dein Name und Berliner Adresse darauf geschrieben. – Ich habe zehn Kronen Gebühr für sechs Monate gezahlt. Du mußt Dir das alles merken, denn im Fall meines Todes ist es schwer herauszubekommen. Manchmal fühle ich, wenn Du an mich denkst.
Martha Musil an Robert Musil, 10. Juni 1915


Datum: 10. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB 006/4/14
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Mein Liebster!
War drei Tage ohne Nachricht, komme eben nach Hause, finde vor der Tür zwei Karten – hurra – vom 7. und 8. Ich hatte Dir jeden Tag zum Namenstag Glück gewünscht, zu ärgerlich, daß Du nichts von mir bekommst. (Am Boden des letzten Musters.) Du weißt also immer noch nicht, daß ich zurückwill und die Reisebewilligung habe. Natürlich weiß hier niemand, ob die Züge noch gehen … Ist es denn möglich, so lange getrennt zu leben? – Es scheint unten alles gutzugehen, aber wird doch lang dauern. Armer Liebster. So lange ohne Nachricht. Ich wäre längst gereist, aber warte auf Geld, das die Eltern nicht schicken. – Die Gräfin holt mich eben ab, zur Hungerburg.
Tausend Küsse
Deine Martha
Annina Marcovaldi an Martha Musil, 10. Juni 1915



Datum: 10. Juni 1915
Ort: Berlin / Innsbruck
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1005/29/6
–> Martha Musil
–> Annina
Liebe Mama!
Jetzt habe ich schon wieder ziemlich lange keine Nachricht von Dir erhalten. Hoffentlich geht es Dir gut. Hast Du Nachricht von Robert bekommen? Jetzt scheint es doch da unten auch angefangen zu haben, aber hoffentlich wird es nicht gefährlich. Willst Du in Innsbruck bleiben, es wird doch da sicher auch sehr warm sein. Seit ein paar Tagen ist es hier sehr heiß und es kommt auch nicht der Regen, den man sich so sehr wünscht, denn sonst kommt eine schlechte Ernte. Ich glaube, daß ich ins Gymnasium kommen werde, trotzdem ich Italienerin bin. Nach 12 Tagen habe ich erst Deine Karte aus Bozen erhalten. Soll ich der Gräfin einmal schreiben? Werde ich Dich im Sommer wiedersehen können? Ich möchte Dich so gern sehen. Zia Hanna und Zio Jacques sind sehr nett zu mir, aber sie sind doch nicht so wie Du. Du schreibst mir so wenig und immer nur Karten. Ich habe bis jetzt etwas über 15 Mark gespart. Ich gebe nie etwas aus, nur einmal für Schokolade für Robert. Zia Hanna hat Robert einen sehr langen und langweiligen Brief geschrieben. Sie hat auch Gaetano über Holland geschrieben. Wir haben von ihm sehr lange nichts gehört. Glaubst Du, daß Du nach Südtirol kannst, es soll doch sehr schwer sein, über den Brenner zu kommen. Hoffentlich bekommst Du wieder Nachricht von Robert. Was machst Du eigentlich immer? Bist Du viel allein? Was schreibt denn Großmama? Ängstigt sie sich nicht sehr, denn Robert wird ihr doch sicher garnicht schreiben. Bitte schreibe mir recht bald.
Viele, viele Küsse
von Deiner
Annina
Martha Musil an Robert Musil, 11. Juni 1915


Datum: 11. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 006/4/16
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Lieber, lieber Robert!
Ich muß wieder zu Dir kommen; wenn wir den Fehler der Trennung gemacht haben, brauchen wir doch nicht dabei bleiben. Mit. Dir. Überall. Ich ließ mich einfach treiben und bekam ganz ohne Mühe die Reisebewilligung. Dann – kam die Vernunft und hieß mich warten. Ob nicht Vernunft das Allerunvernünftigste ist? – Verzeih den Brief: Ich war so unglücklich, dachte an alles, was in Dir fort von mir strebt. Im Innersten, glaube ich, ist auch das ausgeglichen … nur Du … ich spüre auch so stark die innere Gemeinschaft, glaube auch, daß der das Alter nichts anhaben kann. Aber doch will ich nicht Monate von Dir getrennt sein … Alles scheint gutzugehen. Vielleicht wird es dort überhaupt ruhig bleiben! Sprich noch mit dem Major darüber. Das Fortkommen ist ja nie schwer. – Ich muß hier noch auf das Geld von den Eltern warten, habe jetzt expreß geschrieben, Du schreib mir weiter hauptpostlagernd (schick auch evtl. Geld, aber wenn ich hinkomme, brauch ich´s nicht). Die Gräfin meint, daß Du Geld und Schreiben in den Brief ihres Mannes einlegst – wie wir es machten; sie holt es dann von einem Major, den sie kennt, ab. – Heute schicke ich ein Muster, bitte sieh gleich die Bonbons an, ob es die richtigen sind.
Tausend Küsse
Deine Martha
Wir gehen heute nach Schloß Amras.
Ich schicke Dir Birkenhaarwasser in einer kleinen Flasche. Du mußt es auf die Hand gießen.
Ich nehme die Maiglöckchen in meinen großen Mund.
Martha Musil an Robert Musil, 12. Juni 1915


Datum: 12. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Palai bei Pergine
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/4/17
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Nein, Du leidest nicht unter der Trennung, – nicht seelisch: das Von-mir-getrennt-Sein und doch wissen, daß ich für Dich da bin, löst vieles in Dir, was sonst … aber es müßte nicht so sein. Ich kann schwer davon sprechen, ohne noch trauriger zu werden, und gar in dem offenen Brief. Dank für das Geld! Konntest Du denn so viel entbehren? Auch die Eltern schickten es heute, nun wäre ich bereit, aber Du willst nicht. – Gefahren: Liebster, sei nicht leichtsinnig und geh nicht so allein in den Bergen. Ist der Stab denn nicht etwas geschützter? Oder war das eine fromme Lüge? – Du. Du. –
Einliegend Bleis Brief, ich habe ihnen schon geantwortet, es war schwer, weil ich dabei kondolieren mußte. Ich ziehe übermorgen in die Pension Oberhuber, Anichstraße, aber schreib vorläufig weiter postlagernd, es scheint mir sicherer, und es ist nicht weit zur Post. Heute fahren wir nach Ambras, gestern kam die Gräfin zu spät zur Bahn. Sie war ganz erstaunt, daß Ihr nicht verstanden habt, daß die sicheren Briefe zusammengehen sollen (Deiner eingelegt). – Wir wohnen nah voneinander und sehen uns täglich mehrmals, auch Frau Faber. – Ich habe jetzt sehr billig und gut gelebt, die Pension ist etwas teurer. Liebster, ich habe Dich, Deine Haut, so lieb, möchte Dich streicheln können, ich sehe Deine Arme.
Tausendmal Deine Martha
Franz Blei an Martha Musil, 13. Juni 1915


Datum: 13. Juni 1915
Ort: Berlin / Innsbruck
Typ: Postkarte
Archiv: ÖNB – 1005/4/3
–> Martha Musil
–> Franz Blei
Liebe Frau Martha!
Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir von Musils Drama eine Abschrift schickten. Ich bräuchte sie aus einer Menge praktischer Gründe. Im Falle z. B. Musil bis zur Eröffnung der Saison im Künstlertheater keine Zeit zur definitiven Fassung findet, und das Stück soll eröffnen, so möchte ich es zur Unterlage unserer brieflichen Auseinandersetzungen haben, ob es so wie es ist eröffnen kann, was zu ändern wäre usw. Es wird am 1. Oktober eröffnet werden. Hauptquartier oder ein kleiner Schuß durch den Muskel des Unterschenkels: eins von beiden muß man wünschen.
Herzlichst
Ihr
Blei
Martha Musil an Robert Musil, 15. Juni 1915


Datum: 15. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/4/18
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Abschied von Bozen … Esse jetzt noch mit Dr. Wolf beim Greif … Er bringt Dir einen Brief von mir und ein Paar Socken, eine Kerze. – Ich habe eben als Muster eine kleine Schachtel Kuchen geschickt, aber da man von hier keine Feldpostmuster schicken darf, ist es nach Pergine für Palai adressiert, laß an der Post danach fragen, sonst wird der Kuchen alt. – Du hättest noch hierbleiben können!
Tausend Küsse
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 16. Juni 1915


Datum: 16. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/4/19
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster! Lieber! Lieber, kleiner Robi! Robertl!
Du hattest gar kein Vollmondgesicht, als Du fort von mir fuhrst. Bist ganz spitz geworden, schmal. Mein armer Kleiner. ich möchte wieder Deine Füße küssen. Habe heute Kopfweh, der Lärm verfolgt mich überall, und die Gesellschaft gefällt mir nicht, solch eine alberne Pensionsfröhlichkeit, die ich jetzt gar nicht vertragen kann. Lieber bin ich allein in meinem Zimmer, d. h. in meinem früheren, das schon wieder frei geworden ist. Es war mir sympathisch, weil es Dir als Arbeitszimmer gefallen hätte. Nur das Bett ist nicht gut. – Ich schrieb Dir heute schon, daß es mit den Depeschen auch für Innsbruck so geht, wie Dr. Wolf sagte: Wenn sie vom Militärkommando gestempelt sind, müssen sie befördert werden. Ich bin jetzt (halb elf, sei nicht böse!) mit der Gräfin nach Hause gekommen, wir haben uns nach dem Abendbrot getroffen und sie sagte mir jetzt, daß dieser Brief morgen ganz früh – mit ihrem – fort muß. Es war so schön in Bozen mit Dir – so schön. Ich wäre noch so gern mit Dir am Abend durch die leise beleuchteten Straßen gegangen (aber Du wärst zu müde geworden).
Der Deserteur war ein bildhübscher Mensch, ein typischer Italiener (Italiener sind immer Typen, das ist ihr Reiz; auch der Reiz der einfacheren Leute hier). In der Bahn fuhr eine einfache Frau, die von ihrem Neffen (Reserve-Leutnant) schwärmte, ich habe mir einiges notiert. Bankbeamter in Graz, schreibt manchmal für Zeitungen: „Für das Schöne und Gute hat er immer große Gedanken und Ziele gehabt.“ – Er war seit Beginn im Krieg, seine Mutter ist alle Tage wallfahrten gegangen. – Er sagt: „Wenn rechts und links niederfällt und Blut aufspritzt, da lernen auch die Ungläubigen gläubig werden.“ Dann erzählte sie, daß oft Totgeglaubte, für die schon die Messen gelesen sind, wiederkommen und die Frauen sich fürchten und denken, es sind ihre Geister. Da sagte eine junge Frau aus dem Grödnertal, die zu ihrem Mann nach Linz fuhr: „Ich würd´ ihn auch aufnehmen, wenn er als Geist käm´.“ (Muß ich Dir noch gestehen, daß ich dritter Klasse gefahren bin?) Man sieht aber viel mehr gute Typen, es war recht unterhaltend. Ein deutscher Soldat sagte zu dem Italiener (der ziemlich dick ist): „Sie haben sich wohl auch vor dem schlechten Essen und den Strapazen gefürchtet!“ Und der, mit schönem Pathos: „Questa era anche una delle tante ragioni.“ Nachher sprach er mit einem jungen Mädchen und konjugierte das Verb lieben (was alle Italiener tun). Die Österreicher ließen sich seine Sterne schenken (stelle di Savoya).
Die Uniform ist sehr hübsch und praktisch. Er hatte den Bersaglieri-Hut fortgeworfen und trug nur die Nachtmütze: ein roter Fez mit langer blauer Quaste und Troddel, sehr kleidsam und praktisch. Er hat erzählt, daß sie auch 42er haben und ganz neue Gewehre, die 15mal automatisch schießen, daß das Volk ganz gegen den Krieg ist, daß die Gefangenen arbeiten müssen und die Frauen nähen müssen, daß nicht die Deutschen, nur die Österreicher gehaßt werden. Der Dreibund war nur nominell, kein richtiger Vertrag. Ein Österreicher (Ingenieur) kam von Riva und erzählte von einem Gefecht, bei dem die beiden Anführer Mauerpoliere waren, die einander gut kennen. Nach verschiedenen Verständigungsversuchen kam der feindliche mit 120 Mann herüber und bekam pro Mann und Gewehr 25 Kronen.
Gute Nacht! Allein. Ich bin aber mit Dir und in Dir und um Dich. Du darfst mich nicht verlieren.
Deine Martharoberta
Martha Musil an Robert Musil, 16. Juni 1915


Datum: 16. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/4/20
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Deine beiden Briefe hier vorgefunden. Hart und gut; ich bin nur gut. In der Pension gefällt´s mir gar nicht: laut, echtes Pensionspublikum mit Scherzchen – bin gar nicht dazu aufgelegt und werde wieder anderes suchen. Die Reise verging ganz lustig, mit einem desertore zusammen, ein bersagliere, der hier ins Gefängnis überführt wurde, ein bildhübscher Kerl und ganz amüsant, seine Ansichten zu hören (alle sprachen mit ihm), er sagte: „So feig konnten die Italiener nicht sein, das angebotene Land ohne Schwertstreich zu nehmen.“ Er ist Mitarbeiter des avanti und fühlt international. Ich habe mich hier wegen der Depeschen erkundigt, es ist so, wie Dr. Wolf sagt, daß man mit Bewilligung des Militärkommandos depeschieren kann. Also gilt das, was ich Dir im Brief, den Dr. Wolf bringt, schrieb. Bitte sag, ob Du einverstanden bist.
Liebster, ich kann gar nicht schreiben und nicht denken. Bleib gesund und pfleg Dich. (Eier.) – Ich schicke Dir heute als Muster dicke Socken und die kleine Medizinflasche.
Tausendmal Deine, Kuß
Martha Musil an Robert Musil, 16. Juni 1915

Datum: 16. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Zettel
Archiv: ÖNB – 1006/4/21
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster! Gruß und Kuß.
Tausend Küsse. Deine.
(Fühle mich nicht wohl in der Pension.)
Annina Marcovaldi an Martha Musil, 16. Juni 1915


Datum: 16. Juni 1915
Ort: Berlin / Feldpost
Typ: Feldpostkarte
Archiv: ÖNB – 1005/29/7
–> Martha Musil
–> Annina
Liebe Mama!
Heute habe ich erst Deine Karte vom 8. bekommen, sie ist also sehr lange gegangen. Wir hatten schon über 8 Tage keine Nachricht von Dir. Willst Du auch im Sommer in Innsbruck bleiben? Ich bekomme am 2. Juli Ferien. Aber die letzten 8 Tage sind überhaupt nicht mehr wichtig. Ich schreibe Robert schon öfters. Steht Robert eigentlich schon im Kampf? Die Frau Dr. Zibemin ist wohl gleich abgereist. Ich möchte Dich furchtbar gern wiedersehen, würde es wohl gehen? Es würde dann ja noch Schwierigkeiten mit dem Paß machen. Du brauchst doch sicher Sommerkleider. Ein Paket wird wohl auch sehr lange gehen.
Bitte schreibe recht oft, da auch die Post so schlecht ankommt.
Viele Küsse
Deine Annina
Annina Marcovaldi an Robert Musil, 17. Juni 1915
Lieber Papa!
Mama hat mir geschrieben, daß es Dir bis jetzt noch gutgeht, hoffentlich bleibt es so. Ich möchte Mama sehr gern im Sommer wiedersehen, aber ich weiß doch nicht, ob es geht. Ich habe auch große Sehnsucht nach Dir, aber Dich werde ich ja lange nicht sehen können. Vielleicht gelingt es Mama doch, Dir näher zu kommen, das wäre sehr schön. Du mußt mir doch einmal schreiben, wenn Du so wenig zu tun hast, wie Mama schreibt. Es ist so schön, von Dir etwas zu bekommen.
Viele Küsse, Deine Annina
Ich habe Dich furchtbar lieb.
Martha Musil an Robert Musil, 18. Juni 1915


Datum: 18. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/4/22
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Ich werde doch vorläufig hier wohnenbleiben, das Zimmer ist sehr schön, mit einem großen Schreibtisch, wie Du ihn gern hast, und einem großen bedeckten Balkon (allerdings nach dem Garten hinaus, wo viel geklopft wird). – Ich werde mich langsam an die Gesellschaft gewöhnen, es ist ja doch ganz amüsant, so verschiedene Typen zu sehen und zu hören, ich habe mir schon verschiedenes notiert. Ich sehe dann die Gräfin meist nach dem Abendbrot (gestern sind wir erst um dreiviertel zwölf nach Hause gegangen) und Frau Faber mit ihrer Gesellschaft (Hauptmannsfrau mit Hauptmann und manchmal noch anderen Herren, von denen man vieles hören kann) nachmittags im Café, wenn ich hingehen will. Gestern erhielt ich von Blei die einliegende Karte, ich werde ihm antworten, daß ich Dich frage, aber glaube, daß es nicht möglich sein wird, es so, wie es ist, aufzuführen – obwohl (wie Du sagtest) sehr wenig daran fehlt. Bitte schreib ihm das auch, denn es ist wahrscheinlich, daß er es weitererzählt. Oder meinst Du, daß ich eine Abschrift machen lassen könnte? Oder selbst machen? Und wovon? Es wäre mir sehr lieb, weil doch in dieser Zeit immer der Verlust des einen Manuskriptes möglich ist. Nun genug davon, obwohl das ja auch Du bist. So froh, heute Deine Karte und Deinen Brief (gleichzeitig) zu finden. Ich gehe viermal täglich zur Post.
Ich bin auch zuversichtlich. Robert, Lieber, Liebster! (Nur manchmal eine ganz leichte Angst.)
Hier ist eine junge Frau, die wie die Frau des Potiphar auf Rembrandts Bild aussieht, aber nicht wie Regine, viel offen lasterhafter, dabei ist sie, glaub ich, ganz harmlos, dumm, aber man könnte sie zum Laster erziehen; sie ist groß, aber im Sitzen ganz klein, hinkt etwas, weiße Haut, Schönheitspflästerchen, lüsterne Nase und Mund, wasserhell geschlitzte Augen, schwarz gezogene Brauen, an den Schläfen hineinlangende, blonde Haarsträhnen. Sie ist die Frau eines Universitätsprofessors aus Würzburg, den man aber nicht sieht, weil er den ganzen Tag im Hauptquartier (mit Dankl) sein muß.
Kleiner Kamerad. Lieber Kamerad. Laß mich nicht allein. Nie wieder allein.
Es soll alles gutgehen. Sehr viel Militär kommt hier durch. Alles hofft, daß es zum Herbst aus ist. Ich hoffe, daß ich dann oder früher wieder bei Dir sein kann. In der heutigen Innsbrucker steht der offene Brief des kleinen bersaglieri desertore. Er hatte mir schon davon erzählt. Ich fragte ihn, ob er Gutes von Österreich geschrieben hätte. Er sagte: „Per forza“, verbesserte sich aber gleich und sagte: „Soltanto la verità.“ Es ist sicher ein kleiner Schurke, auch der Name, Prof. Cosmo, gewiß frei erfunden.
Das Klopfen macht mich ganz krank, ich muß doch ein anderes Zimmer nehmen. (Hier darf den ganzen Tag geklopft werden.)
Tausend Küsse, Liebster, ich kann gar nicht glauben, daß wir uns jetzt lange nicht sehen sollen.
Deine ganz, Deine Martha
Hast Du die Photographien bekommen? Hoffingott weiß die Adresse. Könnte ich nicht auf die Mandel gehen? Da führt die Bahn von Bozen und eine Straße von Trient hinauf.
Martha Musil an Robert Musil, 19. Juni 1915


Datum: 18. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/4/23
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Dir würde die Stimmung in meinem Zimmer (nicht meine) gefallen. Der Schreibtisch schräg an der Fensterwand, der große gedeckte Balkon, und draußen Fichten im Regen. (Ich bleibe doch in diesem Zimmer, es wird ja nicht immer geklopft werden.) Heute früh ausgegangen, über Hötting nach Mühlau – allein; es war heiß. – Zur gewohnten Stunde (zwölf Uhr) nichts auf der Post, vielleicht abends. Jetzt holt mich Frau Faber ab, um ins Café zu gehen. – Ist Dir zufällig Prof. Hammer (Philosophie) von der hiesigen Universität bekannt? Der ißt mittags hier, sieht ganz klug aus; ein andrer Prof., von Lerch (Chemie), sagte von Wilde: Beim ersten Mal lesen ist er ja geistreich, beim zweiten Mal sind diese langen Gespräche unmöglich, eigentlich nur Unsinn, wirklich eine Zeitverschwendung.
Ich bin heute trüb, traurig.
Tausend Küsse
Deine Martha
Annina Marcovaldi an Martha Musil, 19. Juni 1915
Liebe Mama!
Ich danke Dir sehr für Deinen Brief. Ich hoffe sehr, zu Dir kommen zu können. Wir werden Montag zum Konsulat gehen. Die Hitze in Innsbruck schadet garnichts, es ist doch die Hauptsache, daß ich bei Dir bin. Wenn ich zu Dir kommen kann, könnte ich nicht ein paar Tage vor den Ferien reisen? Es ist sehr schön, daß Du Robert gesehen hast. Ich danke Dir sehr für die Grüße, ich habe Robert schon wieder geschrieben. Es freut mich sehr, daß die Italiener so feige sind. Ich werde Dir ausführlicher schreiben, wenn ich beim Konsulat gewesen bin. Ich gehe heute mit Anna und Maria ins Theater.
Viele Küsse
Deine Annina
Martha Musil an Robert Musil, 20. Juni 1915


Datum: 20. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/4/24
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute wieder nichts. Wahrscheinlich bleibt wieder einmal alles liegen. Leider kann man jetzt auch keine Muster mehr schicken. Durch einen Zufall konnte ich einiges in einem Paket mitschicken, auch einen kurzen Brief. Bitte die gedörrten Marillen von Fräulein Martha kochen zu lassen, nicht roh essen, als Kompott ganz gut. – Da ich jetzt nichts schicken kann, bitte gleich in Pergine besorgen zu lassen, was ich unten notiere. Heute vor einer Woche ging es mir viel besser, da war ich schon auf der Bahn und auf dem Weg zu Dir. Wann?! Hoffentlich geht es Dir gut!, ich bin so bedrückt, wenn ich keine Nachricht habe. – Eben höre ich, daß ich nun nicht mehr die Burg sehen kann; und unsre Jahreswohnung? Vielleicht ist es nicht wahr. – Wirst Du auch heute und morgen an den letzten Sonntag und Montag denken?
Tausend Küsse
Deine Martha
VI. 1915
Kleine Büchse Kakao Suchard
Kleines Paket Tee
Kleine Flasche Rum: beim Zuckerbäcker neben Hotel Cavatello;
Salami: beim Delikateß-Geschäft nah vom Photographen, gegenüber „Pilota“;
Papier
Martha Musil an Robert Musil, 21. Juni 1915


Datum: 22. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/5/2
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Geliebter Liebster!
Ich ging heute schon ganz verzagt zur Post und schaute noch verzagter in die Abteilung „Mu“ (ich kann sie vom Schalter sehen), weil mir schien, daß keine Feldpost da sei. Aber doch. Deine Karte. Kurz, aber Du bist mein und ich bin wieder glücklicher. Gestern und heute vor einer Woche: ich denke an alles. Möchte Dich in meine Arme nehmen. Manchmal fühle ich auch Deinen Blick. – Daß die Post jetzt wieder so schlecht geht! Hast Du auch nicht meinen Brief mit Einlage von Bleis Brief bekommen? Inzwischen hat Dir Dr. Wolf meinen Brief gebracht und Du weißt, daß es möglich ist zu telegraphieren; – natürlich nur in Ausnahmefällen. Zu ärgerlich, daß man nicht mehr Feldpostmuster schicken darf. Ich versuche heute, ein gewöhnliches Muster für Dich an Felner zu schicken, schreib, ob es ankommt (wahrscheinlich nicht), dann sende ich mehr. (So lege ich nur von mir die paar Schokoladebonbons ein, das andre sind langweilige Küchelchen von der Mama.) – Mir ist gar nicht recht, daß ich Dir Eßsachen von ihr schicken soll, will Dir von mir schicken. Es sind auch Lebkuchen dabei; ich weiß nicht, ob die jetzt für Dich gut sind. – Hoffentlich bist Du wohl!!! Tausendmal, Liebster, auf Wiedersehen!!! – Aber ich will noch weiterschreiben. – Gestern abend ist die Gräfin auf einige Tage nach Hause, zu ihrer Mutter, gefahren. Der Zug ging um halb elf Uhr, wir haben am Bahnhof zu Abend gegessen, waren schon um acht Uhr dort, trotzdem hat die Gräfin in gewohnter Weise beinahe den Zug versäumt, war noch eine Minute vor Abgang am Billetschalter. Das ist nur eine Kleinigkeit, aber es ist sonderbar, wie sich bei jedem Menschen die je gleichen Fakten wiederholen. Das Schicksal, der vorgezeichnete Weg. Wenn es Gott gibt, muß er so sein, daß es ganz unmöglich für uns ist, ihn sich vorzustellen, ihm näher zu kommen. Denn man kann doch nicht glauben, daß er so viele Leinen (oder Strippen), wie Lebewesen auf der Erde sind, hin und her zieht. – Man könnte sich auch Gott bloß als eine Art Haushofmeister der Natur vorstellen, der dafür sorgt, daß alles in bestimmten Intervallen den genau vorgeschriebenen Weg macht. Erst war da das Chaos und dann erst Gott.
Ich bin heute sehr müde, weiß gar nicht, wovon. Müde, ohne Dich zu leben. Und wie lange noch. Denn wenn es noch so schnell geht, müssen doch die Italiener erst besiegt werden.
Ich küsse Dich
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 22. Juni 1915




Datum: 22. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/5/2
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute abend auf meinem einsamen Spaziergang (die Gräfin ist für ein paar Tage fort) höre ich, wie mir ein entgegenkommender Zivilist „Guten Abend, Gnädige“ sagt. Ich gehe ohne aufzusehen weiter, aber er kommt nach, holt mich ein, begrüßt mich wieder und war Dr. Pichler, der jetzt Landsturmmann ist. Also große (aber nicht übergroße, weil so anstrengend) Freude; wir gingen zusammen spazieren, hörten dem Zapfenstreich am Arlbergerhof zu. Er läßt Dich vielmals grüßen, fragte viel nach Dir, ob Du arbeiten kannst, wo, wie, was Du bist. Er ist erst seit acht Tagen hier, ich hätte ihn nie erkannt, er ist kleiner und sehr mager geworden; er spricht nicht viel von seiner Frau. Er kommt jetzt für Büroarbeiten ins Militärkommando; vielleicht kann ich durch ihn auch irgend etwas erreichen. Siehst Du, wie anständig ich mich benehme, wenn ich allein bin (nie spreche ich von „Stadl“). – Heute bekam ich ein Telegramm vom österreichischen Konsulat in Berlin (war ganz zitternd, glaubte es von Dir), daß ich hier bei der Statthalterei wegen Anninas Legitimation Schritte tun solle. Ich werde morgen hingehen, war heute (weil ganz in meiner Nähe) beim deutschen Generalkonsul, der ja damals Anninas Paß visiert hatte. Er kann nichts tun, war aber sehr liebenswürdig und sagte, daß ich, falls ich nichts erreiche, noch einmal zu ihm kommen solle. Amüsant war, daß er die Photographie meines Passes durchaus nicht erkennen konnte. Er sagte, wenn er Grenzbeamter wäre, würde er mich unbedingt daraufhin anhalten lassen (trotz seines künstlerisch geschulten Auges, wie er sagte); ich hatte heute ein weißes Kleid und weißen Hut an und auf dem Bild dunklen Hut und Boa. Trotzdem er mir glaubte, hatte er die ganze Zeit über Zweifel an der Echtheit. – Die heutige Karte schrieb ich ganz schnell, weil ich hörte, daß ein Professor, der bei uns ißt, die Briefzensur hat. Schreib, ob Du sie schneller bekommst, denn er ist Zensor für Privatbriefe. Ein andrer Herr, der hier wohnt, ein alter Oberst, ist Telegrammzensor. (Der Prof. Hammer ist nicht Philosoph, sondern Kunsthistoriker.) Der Ton in der Pension ist jetzt angenehmer, und ich werde nicht gleich ausziehen, obwohl das Essen sehr schlecht ist, man spürt es den ganzen Tag. – Ich war ganz entzückt, heute nachmittag (ungewohnte Stunde) Deine Karte (vom 20.) zu finden. (Auf den Brief, den Du hoffentlich diesmal einlegen wirst, muß ich leider warten, bis die Gräfin zurückkommt.) Tausend Dank, Liebster! Aber, daß Du meine Briefe so unregelmäßig bekommst! – Ich schreibe natürlich täglich. (Ich werde diesen Brief einem bekannten Hauptmann zur Zensur geben, der so liebenswürdig ist, es zu beeilen.) Hast Du Brief und Karte von Blei, die ich mitschickte, nicht bekommen? Wann wird man wieder geschlossen schreiben dürfen! – Sei nicht so ungeduldig, sonst wirst Du den Italienern noch vor Freude entgegenlaufen, vergiß nur nicht, daß sie doch manchmal treffen können. Heute großer Jubel wegen Lemberg, schon nachmittags wurde geflaggt und man hoffte … Aber es war zur Ankunft des Thronfolgers, dann kam abends das Extrablatt. – … Im Herbst … – Glaubst Du wirklich? Es wäre unsagbar schön. Denk Dir, wenn wir wieder in Trient umhergehen würden. Wir würden nur ganz leise und zaghaft auftreten, weil wir uns und alles zu lieb haben würden; Ich bin Dein alles. (Tausend = unendlich)
Tausendfach Deine Martha
Hattest Du das Muster mit dem Haarwasser bekommen? Und die dicken Socken? Morgen schicke ich Dir den letzten Simplizissimus, er ist sehr gut. Heute las ich in der Züricher eine lange Kritik über Leonhard Franks Novelle: „Die Ursache“ (Weiße Blätter) Das ist die Novelle, in der die Hinrichtungsszene ist, die Fischer nicht wollte. – Kisch (Autor des Mädchenhirt´s) ist sehr schwer verwundet, die junge Frau, die wie Frau Potiphar oder meist wie eine Prager Jüdin aussieht, kennt alle jungen Prager Dichter gut. – Vielleicht war sie ähnlich wie Fräulein Neufeld. Werfel ist in Prag. – Der Kluge.
Mein Dummer, Deine Martha
Annina weiß, daß ich zu Dir komme, sobald Du mich rufst, auch wenn sie hier ist. Vergiß nicht, bei Touren den Gurt unter der Jacke zu tragen, damit Du sie aufmachen kannst. – Viel Eier essen!
Deine
Martha Musil an Robert Musil, 22. Juni 1915


Datum: 22. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/5/3
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute noch keine Nachricht. – Ein Telegramm vom österreichischen Generalkonsulat, daß Anninas Paß nicht gilt, sie braucht eine Legitimation, ich soll es bei der Statthalterei versuchen. Ich schreibe es Dir, weil Du vielleicht dort eine Bestätigung darüber bekommen kannst. In Eile, weil die Karte gleich zur Zensur geht (durch [unleserlich]) Hoffentlich geht es Dir gut! – nichts über Eure Gegend in der Zeitung.
Tausend
Deine Martha
Hanna Casper an Martha Musil, 22. Juni 1915




Datum: 22. Juni 1915
Ort: Berlin / Innsbruck
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1005/7/1
–> Martha Musil
–> Gaetano Marcovaldi
–> Hanna Caspar
Liebe Martha!
Von Gaetano kam gestern über Holland ein Brief, der gleiche in deutscher und italienischer Sprache, in dem klug alles Anstössige vermieden ist. Ich schicke Dir natürlich den deutschen. Wir waren gestern, das heißt Annina und ich, beim Konsul, der keinen anderen Rat wußte, als Dir zu telegraphieren und zur Statthalterei zu gehen. Der denkt sich das so. Du müßtest hingehen, vielleicht mit der Gräfin, zum legitimieren und dann bekommst Du vielleicht einen Erlaubnisschein für Annina nach einen bestimmten Ort zu reisen, also für Innsbruck. Ich werde sie dann im Schlafwagen schicken. Sie würde im Wartesaal frühstücken, in München was lesen und ruhig auf den Zug warten und dann in den Zug nach Innsbruck steigen. Bis dahin kommt man nämlich. Schön wäre es ja, wenn Du sie von der Grenze holen könntest. Sie müßte ein paar Tage vor Beginn oder ein paar Tage nach Beginn derFerien reisen, wegen der Fülle. Wenn es überhaupt möglich ist. – Ich dachte auch schon, daß man vielleicht noch etwas beim Schweizer Konsul ausrichten könnte. – (Makler Verein … haben wir alle zur Generalversammlung angemeldet. Wird am 26. sein).
Der Konsul hatte auch den Vorschlag gemacht eventuell an das äußere Ministerium in Wien zu schreiben. Alles klarzulegen schriftlich, wie ich es mündlich getan habe. Er meinte aber, Dein persönliches Eingreifen in Innsbruck wäre noch günstiger.
Ich hatte Hauptaugenmerk darauf gelegt, daß Annina ganz österreichisch gesinnt ist, und vollkommen mit Stiefvater (der Oberleutnant usw. usw. ist) und Mutter zusammenlebt und gar keinen Zusammenhang mit Rom hat, seit über 3 Jahren in Berlin oder Wien lebt und was sonst noch zu sagen ist. Der Konsul sagt, was er auch in Anninas Paß hineinschriebe, würde nicht genügen, sie über die Grenze zu lassen.
Wie schön, daß Du Robert gesehen hast. Hoffentlich bald einmal wieder.
Militärisch geht’s jetzt sehr gut bei uns. Bald werden die Russen besiegt sein, dann muß bald der Frieden kommen.
Annina schreibt selbst. Von der Bank ist ein Brief gekommen, daß Carl Alexander 180,25 Mark auf Dein Konto gezahlt hat. Hast Du Dir dünne Kleider gekauft? Wir suchen alles Dünne von Deinen Sachen zusammen zur eventuellen Mitnahme oder zum Schicken. Ich habe hier 2 Tuben Rasiercreme Wache auf für Robert. Soll ich eine schicken? Hoffentlich hören wir von Dir recht recht bald. Gestern waren hier ein paar Leute, Annina aß mit und sah bildhübsch in einem weißen Tüllkleid aus. Bald Mehr.
Stets Deine
Hanna Casper
Martha Musil an Robert Musil, 24. Juni 1915


Datum: 24. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/5/4
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Ich war so böse – heute Nacht – daß ich nicht bei Dir bin, daß Du allein dort bist, konnte gar nicht schlafen. Alles vor mir (und uns). Du bist zu sehr mittendrin. Kein Abstand. Von weitem (Vogelperspektive) betrachtet, hätten wir uns nicht trennen dürfen. Ich könnte so, so gut dort herumgehen, ganz für mich allein und doch bei Dir sein. Bös. Dann noch das Gefühl, daß Du vor lauter Langeweile den Italienern in den Rachen spazieren würdest. Ich will nicht so lange hier allein sein. Es ist doch gar nicht anzunehmen, daß es im Herbst aus ist. Sieh nur, wie langsam alles geht. Und bis zum Herbst sind vier Monate. Ich verschaffe mir jetzt wieder eine Legitimation. – Aber hab keine Angst, daß ich unerwartet komme. Träumer. Lieber. Liebster. Kleiner Robi – durch mich bei Dir. Wann wirst Du dazu Ruhe haben? nachmittags
Anninas Reise stößt auf Schwierigkeiten. Ich mußte ein Gesuch bei der Statthalterei einreichen, das nach Wien ans Kriegsüberwachungsamt (im Kriegsministerium) weitergeleitet wird. Von dort kommt dann die Erledigung. Es wäre nur von hier aus zu machen gewesen, wenn ich jemanden beim Kommando (Arlbergerhof) kennen würde; aber ich kenne niemanden. – Man müßte jetzt jemanden vom Kriegsüberwachungsamt kennen und ihm schreiben, daß das Gesuch schnell erledigt werden soll (sonst dauert es drei bis vier Wochen, sagte man mir bei der Statthalterei). Der Chef dieses Amts ist: Victor Hiller, sonst Ministerialbeamter (Sekretär, glaube ich), kennst Du den? – Ich habe mich eben wegen dieser Angelegenheit riesig geärgert. Die junge Frau aus Prag, deren Mann hier dem Kommando zugeteilt ist, sagte mir, daß der Victor Hiller ihr Freund sei und sie ihm gern schreiben wolle (wegen der schnelleren Erledigung). Dies heute Mittag. Nach einer Stunde schickt sie mir den einliegenden Brief. Ich habe ihn gleich beantwortet, um klarzustellen, daß es sich nicht um eine Befürwortung, sondern um das Ansuchen um schnelle Erledigung eines vorliegenden legalen Akts handelte und daß sie mir selbst diesen Weg vorgeschlagen hatte, den man mir bei der Statthalterei auch als zweckentsprechend geraten hatte. Den Professor kenne ich nicht, weiß nicht, ob er Helly oder Dexler heißt. Er muß ähnlich vorsichtig wie meine Verwandten sein.
Kannibalenmystik. Nacht vom 13. – 14. Juni … Ich kann mich seitdem nicht anrühren. Große Scheu vor mir. Scham. – Will Dich
Deine Martha
sechs Uhr
Auf der Post. Eben Deine Karte vom 22. gefunden. Du. Liebster. Bin traurig. Verworren ungeduldig. Manchmal bös, daß Du allein sein wolltest. Daß Du nicht noch den Abend geblieben; aber alles nur Du. Du. Du. – Hab mich lieb.
Deine Martha
Tausendmal
Martha Musil an Robert Musil, 24. Juni 1915


Datum: 24. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/5/5
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Ich will nach dem Abendbrot mit Deinen beiden Karten (die ich heute bekam) spazierengehen. Bin so allein. Einsam. Habe die Vorstellung von endlosem Gehen. Überlege immerzu den letzten Satz der letzten Karte: ob es nicht bedeuten kann, daß wir zusammenkommen. Nachmittags bin ich jetzt immer im Kaffeehaus in größerem Kreise, Bekannte durch Frau Faber, d. h. Durchschnitt. – Ich glaube, diese Tage sind für mich kritische …, aber nichts, was uns betrifft … Es fährt mir im Kopf hin und her und sind doch keine Gedanken. Jetzt gehe ich; möchte bis zu Dir gehen.
Tausend!!!
Deine Martha
Fritzy Helly-Dexler an Martha Musil, 24. Juni 1915


Datum: 24. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/5/5
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Geehrte gnädige Frau!
Wie mein Mann mir mitteilt, wäre die Befürwortung des Gesuchs meinerseits, mit Rücksicht auf die Art der Amtsführung im Kriegsüberwachungsbüro, ganz zwecklos, da dasselbe seine Maßnahmen ausschließlich auf Grund seiner besondern amtlichen Informationen trifft. Es tut mir wirklich leid Ihnen nicht behilflich sein zu können und bin
hochachtungsvoll Ihre ergebene
Fritzy Helly-Dexler
Martha Musil an Robert Musil, 25. Juni 1915


Datum: 25. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/5/6
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute keine Karte. – Habe den Tag verbracht, Dir verschiedenes zu kaufen und zu schicken. Laß die Datteln nicht lange liegen, sonst werden sie trocken; sie sind Dir gut … Schreib, ob Dir die Erdbeermarmelade gefällt und guttut, ich habe noch eine Tube gekauft. Ist eigentlich das Paket für den Major Alberti angekommen, das eine Dame über Trient mitnahm? Es war für Dich verschiedenes drin, auch ein Brief. – Gestern abend bin ich am Inn spazierengegangen, es ist wunderschön dort, man bekommt ordentlich Lust hineinzuspringen, weil er so reißend fließt. Wir müssen zusammen, nicht hinein, sondern entlanggehen; überhaupt zusammen einige Tage hiersein. Ach. Zusammen. Vielleicht kann ich doch hinkommen, wenn die Italiener zurückgedrängt sind und Ihr dort bliebet.
Ich küsse Dich.
Deine Martha
ANNINA Marcovaldi an Martha Musil, 25. Juni 1915


Datum: 25. Juni 1915
Ort: Berlin / Innsbruck
Typ: Postkarte
Archiv: ÖNB – 1005/29/9
–> Martha Musil
–> Annina
–> Im Fersental
Liebe Mama!
Deine letzte Karte vom 22. haben wir schon nach 2 Tagen erhalten. Hoffentlich erreichst Du etwas in der Statthalterei. Hier bekomme ich sicher keinen Paß, aber man könnte auch ein Gesuch nach Wien richten, aber es würde sehr lange dauern, meinte der Konsul. Die Legitimation von Levico hatte ich auch mit, das fand der Konsul noch wichtiger als den Paß. Ich hoffe, bald von Dir Nachrichten zu erhalten. Ich würde dann gleich reisen. Hörst Du viel von Papa?
Viele Küsse
Deine Annina.
Martha Musil an Robert Musil, 26. Juni 1915


Datum: 26. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/5/7
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Zwei Tage ohne Nachricht, das ist schrecklich, besonders weil Du etwas von Patrouillengängen gesagt hast. Ich bin nicht ein bißchen tapfer und werde diese Zeit nicht aushalten; ich habe es Dir gleich gesagt: Warum hast Du mich fortgehen lassen? Heute war ich in der Bibliothek, habe etwas in der Literaturgeschichte über die Sturm-und-Drang-Periode gelesen; es ist amüsant, wie die jungen Leute damals genau so das Neue suchten wie jetzt, besonders im Drama. (Natürlich nicht das gleiche.) Und dann auch wie das Faustproblem von allen versucht wird. – Ich will jetzt sehen, das Zimmer ohne Pension zu behalten (bis ich weiß, was ich tun werde). Das Essen scheint mir sehr schlecht, gestern abend mußte ich von Tisch aufstehen, weil mir schlecht wurde (aber die anderen finden es gut), Pichler klagt wieder sehr über die Restaurationskost; ich traf ihn gestern abend, er läßt Dich nochmals vielmals grüßen … Die Gräfin ist noch nicht zurück. Ob bei ihr ein Brief von Dir liegt? Hoffentlich kommt sie morgen früh. Das Innsbrucker Wetter paßt zur Stadt, immer wechselnd. Ganz lustig, wenn nur nicht so oft Schirokko wäre. Ich gehe jetzt (neun Uhr abends) noch einmal zur Post, um wieder zu verzweifeln. Das Postfräulein kennt mich aus Trafoi, sie sah mich durchfahren, als ich nach Franzenshöhe fuhr, brünett, sympathisch, nicht hübsch. Hattest Du vielleicht mit ihr den Ärger wegen der Depeschen? Tausend Küsse, bleib gesund …
Deine Martha
Bilde mir immer ein, daß du herkommst.
Martha Musil an Robert Musil, 27. Juni 1915


Datum: 27. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/5/8
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Geliebter! Liebster!
Wie so ein Brief glücklich macht. Schon von weitem das Kuvert sehen. – Nicht bös sein, wenn ich bös bin. Ich hatte doch recht mit dem Unnützfortgehen. Heute einen Brief von Frau von Paja – ihr Mann schreibt, daß er bedauert, sie fortgeschickt zu haben; wenn es weiter so bleibt, ruft er sie zurück. Auch der Oberst wäre einverstanden. Ich denke, daß ich dann auch nach Pergine gehe. (Wenn wir uns auch nur sehr selten sehen könnten.) Hoffentlich bleibt es so ruhig! Du Ungeduldiger willst natürlich schießen, und Martha kann bleiben, wo sie mag. Vorläufig reist Frau von Paja noch nicht, weil ihre Mutter krank ist; aber das soll er nicht wissen. Ich muß jetzt auch sehen, wie das mit Anninas Reise wird; es wird wohl schwer halten, die Erlaubnis zu bekommen, dann muß sie mit Hanna reisen, – ich könnte sie doch nicht mit nach Pergine nehmen.
Der Brief wird von einem Herrn mitgenommen, der bei der Zensur ist, daher unvollständig. Schluß.
Dein Gedicht (Bleis Brief) nicht bekommen. Traurig. Bis …!
Tausend Küsse
Deine Martha
Du Mittelpunkt und Kreis
27. VI.
Geht erst morgen fort, – heute Sonntag. Ich gehe jetzt – nach Tisch – mit Bekannten nach Lanz. (Frau Hauptmann Faber, Frau Hauptmann Martinidez, ganz nett, lustig, nicht im rechten Milieu.) Schade, daß so viele Frauen nicht ihr eigentliches Leben leben können und nicht einmal davon wissen. Auch die simpelsten Männer sind, wie sie sind, entweder im Offiziellen oder im Geheimen, während einfache Frauen das Leben leben, in welches sie zufällig hineingestellt sind. (Ich geniere mich schrecklich, Dir irgend etwas zu schreiben, Du hast immer schon alles und so viel besser gedacht.) Schön ist: „Menschen ziehen ihr Schicksal an wie Kirchtürme das Gewitter.“ (Zola hat auch die äußerliche Technik wie Mann.)
Ich möchte wieder meinen kleinen Robi, großen Dichter, in den Arm nehmen.
Jetzt zurück (zehn Uhr), bin nicht mehr ins Café gegangen, weil ich Dir noch gute Nacht sagen wollte. Mit Frau Faber und Pichler Abendbrot gegessen. (Wir trafen ihn zufällig auf der Rückfahrt, oben waren wir noch mit Offiziersbekannten.) Ganz unpersönlich gedacht (aber wirklich!): Es ist leichter, einem Schwerhörigen näherzutreten – wenn er nicht unsympathisch ist – weil man unwillkürlich nach einem Punkt sucht, in dem man sich leichter verständigen kann. (Bitte das aber nur als allgemeine Weisheit zu betrachten.)
In Lanz im Regen in einer Veranda gesessen. Offizierskreisfröhlichkeit. Ein Hauptmann mit Frau und zwei kleineren Kindern, ein Oberleutnant, eine Majorsfrau, noch sehr jung und hübsch mit drei ziemlich großen Töchtern, Frau Faber und ich. Die zweite Tochter, zwölf Jahre, sehr interessant und verdorben aussehend, erinnert an Billy, die wohl auch unter der ersten Schicht verdorben aussieht. Der Hauptmann auf dem Schoß der Majorsfrau (Jugendbekannte), die Kinder abwechselnd auf dem Schoß des Oberstleutnants, Braut spielen. Laute Fröhlichkeit. Harmlos unanständige Scherze: Der Oberstleutnant sagt zu dem 12jährigen Mädel: „Gut daß Du da sitzt, hast schon meine ganzen Hosen getrocknet.“ Sie springt wütend auf, schlägt ihn, läuft fort; – Die Mutter sagt: „Sie wurde so wütend, weil sie glaubte, er spräche von ihren Hosen.“ – Als sie wiederkommt, berichtigt er das, sie, lächelnd, macht die Geste, das Röckchen zu heben. – Ich passe natürlich nicht hinein. „Warum so ruhig?“, fragte man. Aber es ist ganz interessant anzuschauen.
Gute Nacht und tausend Küsse.
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 28. Juni 1915

Datum: 28. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/5/9
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster, Kleiner, Teil, Hälfte, kleiner Mund (mein),
der jetzt schon beim Pfarrer ist, während der große am Schreibtisch sitzt … Wieder hat uns die dumme Post im Stich gelassen, heute noch nichts. Auch von mir muß vieles verlorengegangen sein (ich merke es aus Deinen Briefen). Lieber Robi, wenn der Krieg wirklich über den Winter dauert, müßten wir uns doch noch sehen, so lange es geht. Oder wollen ! wir ihn beenden und leben ! bleiben. Fest wollen … Zwingen … Heute hier großer Jubel wegen des jungen Paares. Allgemeines Entzücken über sie. Mir gefällt sie gar nicht: niedlich, kleinbürgerlich, wie unterernährt, keine Haltung.
Tausend Küsse von Deiner
Martha.
Ea von Allesch an Martha Musil, 28. Juni 1915


Datum: 28. Juni 1915
Ort: Wien / Innsbruck
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/21/2
–> Martha Musil
–> Ea von Allesch
Liebe!
Bitte schreiben Sie doch eine Zeile, bin sehr besorgt. Schrieb postlagernd Innsbruck sofort nach Erhalt Ihres Briefes – den Brief nach Pergine bekam ich zurück – lange nachdem ich Ihren Brief aus Innsbruck schon hatte. Sonst erhielt ich keine Nachricht. wie geht es Ihnen und wo stecken Sie? Wie gehts dem Doktor – möchte von ihm hören – Grüssen Sie ihn sehr – und schreiben Sie!
Herzlich Ihre Emma Rudolph
Wie ist die Feldpostnummer des Doktors?
Allesch gesund.
Martha Musil an Robert Musil, 29. Juni 1915

Datum: 29. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/5/10
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Lieber Liebster!
Ich kann jetzt gar nicht mehr schlafen, hab´ solche Angst, auch ohne daran zu denken, im Untergrund, und dann im Dunklen Zweieinigkeitsgefühle. Alles, was sich berührt, Du und ich: Lippen pressen sich, Knie, Füße streichen einander, Körper atmet Du – ich sitze immer und der Körper ist nicht ich, sondern Du, und kann doch nicht aus mir heraus (wie Fliege im Glas).
Ich sauge nach Dir und Du kommst nicht. – Manchmal bilde ich mir ein, daß Du es möglich machen wirst, für einen Tag herzukommen, daß Du morgens früh zu mir kommst. Ziehe ich Dich nicht? Fühlst Du das nicht? Du kannst doch nicht ganz in all dem äußeren Tra [unleserlich] gefangen sein. So viel Lärm und Unsinn vor Deinen lieben kleinen Augen.
Martha Musil an Robert Musil, 30. Juni 1915


Datum: 30. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/5/11
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute früh (eben), acht Uhr, an der Post Dein liebes Gedicht gefunden, (Bleis Brief) entzückt; (Nur möchte ich heute noch erfahren, daß die Italiener wieder zurückgegangen sind.) Ich war die ganze Nacht wach, Schmerzen am Finger, eine Eiterung des Nagelbetts – ganz ohne meine Schuld! – Muß jetzt geschnitten werden, deshalb schreibe ich Dir noch vorher, weil ich dann vielleicht die Feder schlechter halten kann, ich bin natürlich feig, aber es wird gar nichts sein, ich schreibe es Dir noch. In Dir und um Dich möchte ich sein.
Tausendmal Deine Martha
Einige Tage links, weil geschient, weh getan, hoffentlich bleibt der Nagel.
Tausend Küsse
Ich war gar nicht tapfer.
Martha Musil an Robert Musil, 30. Juni 1915


Datum: 30. Juni 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/5/12
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Ich muß noch ein bißchen zu Dir malen. Deinen Brief und die Bestätigung eben bekommen. Muß mich zur Statthalterei mit einer Hand anziehen. Also Adolf: ich glaubte, er hieße Hans – das Seelenhäkchen ist mit dem embonpoint verschwunden. Schlackriger Gang, Grazer Toilette mit der Landsturmbinde wirken nicht gut, die Augen haben das bildhafte Glühen (Correggio oder Tizian) verloren; – ich müßte, um ihn zu treffen, abends zum Bahnhof oder noch später in das eine Café gehen. Aber wir gehen abends meist in das andre. (Die Gräfin wieder hier.) Ich wußte schon von den Autogrammen. Bald wird er´s bedauern.
Hier hat man wieder Hoffnung auf schnelleres Ende. In ein paar Tagen soll eine gute unerwartete Neuigkeit sein. – Ich habe jetzt Prof. Helly gesehen, sieht sehr jüdisch aus; mit ihr spreche ich nicht.
Alles gleichgültig. –
Ich will schon seit einiger Zeit das – Trafoi Berlin; Du auch! Mystiker? – Wann kannst Du zum Zahnarzt nach Bozen fahren?
Deine Martha
In Pergine, wo die Zeitungen aushängen, gibt es hübsche Notizbücher. – Ich möchte auch in der Wiese sitzen. –
!!! Ganz gesund bleiben!!!
Tausend,
Dank!
In Dir, ich
Robert Musil an Konrad Helly, 30. Juni 1915
Datum: 30. Juni 1915
Ort: Feldpost / Innsbruck
Typ: Brief
Archiv: ÖNB ?
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Euer Hochwohlgeboren!
Im Besitz des Briefes, den Ihre Frau Gemahlin am … an meine Frau gerichtet hat, erlaube ich mir, Ihnen mitzuteilen, daß es sich keineswegs um eine Intervention zur Erreichung eines Zweckes handelte, der nicht auch auf normalem Wege zu erreichen ist, sondern lediglich um den Wunsch den schleppenden Geschäftsgang dabei abzukürzen. Das muß auch Ihrer Gemahlin bekannt sein, denn das Anerbieten hiezu ging von ihr selbst aus. Umso befremdender wirkt auf mich die äußerst kurze abrupte Art des Briefes, die scheinen läßt, als hätte es sich um einen kleinen inkorrekten Versuch einer sachlichen Beeinflussung gehandelt, und ich verlange deshalb von Ihnen umgehend entschuldigende Aufklärung darüber.
Martha Musil an Robert Musil, 30. Juni/1. Juli 1915



Datum: 2. Juli 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/5/13
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute noch auf der Post eine Karte und ein Brief. Glück! Aber daß Du wieder nicht wohl bist! – Bin so besorgt – auch deswegen. Bitte, bitte, wenn Dir etwas fehlen sollte, versäum nur nicht den rechten Moment, um Dich in der Stadt zu kurieren. Überhaupt: Hauptquartier. Zwar sind so viele, auch ganz gesunde Aktive zugeteilt. Lieber, armer, kleiner Robi – arme Martha. Wenn wir nur erst wieder zusammen, an dem blöden Jahrhundert, eingekapselt vorbeistreichen könnten.
(Die Briefe müssen Dir durch die Schrift gar nicht wie von mir vorkommen.) Ich schreibe sehr langsam mit der Linken. – Die Hand tut mir jetzt so weh und ich hab´ Angst vor der Nacht. – Ich war noch in der Klinik, frisch verbinden, es ist nichts. Ich habe die Bestätigung zur Statthalterei gebracht, wird morgen dem Gesuch nachgeschickt. Es ist in Wien beim Ministerium des Inneren (nicht, wo sie erst sagten), wird sehr lange dauern. Ich werde Papa schreiben, ob er dort jemand kennt. Frau Rudolph will Deine Feldadresse wissen, ich schreibe sie ihr. (Ich, Deine Frau!)
In Dich stürzen. – Nicht vergehen. –
Das Gedicht ist so schön, ich bin so stolz.
Der Zaubervogel küßt die Füße. Komm!
Mach Dir nichts draus mit Alberti. Vielleicht fühlt er sich nicht gut. Keine Stachelfalten. Ich glaube, er ärgert sich, daß er nie hinunterfahren kann (Es war wieder jemand in Bozen?). Sie würde nur nach Pergine gehen, wenn er es vorschlägt. Kannst Du nicht darauf hinwirken? Ich abbonniere morgen die Innsbrucker neu, kommen sie pünktlich? Was kann ich Dir sonst schicken? Mich?
Nicht Magen verderben! Nicht erkälten! (Wenn ich bei Dir bin, ist das auch besser!) Taschenapotheke bei Dir tragen und Päckchen aus Bozen. – Hast Du das weiße Abzeichen hinten an der Mütze? Ich denke jeden Tag dran. Ich bin müd, abgespannt, Kopf und Finger weh. Du bist nie da, wenn mir etwas ist, und ich hab´s doch so gern.
Deine arme Martha
(Deine Martha = nicht arm)
1. Juli
War schon zum Verbinden, hat wehgetan, aber wird besser. Ist lokalisiert; vielleicht bleibt auch der Nagel.
Ich freu´ mich so über das Gedicht!
Tausend Küsse
Deine Martha
Juli 1915
Annina Marcovaldi an Robert Musil, 1. Juli 1915


Datum: 1. Juli 1915
Ort: Berlin / Feldpost
Typ: Feldpostkarte
Archiv: ÖNB – 1005/34/1
–> Annina
–> Im Fersental
Lieber Papa!
Ich danke Dir sehr für Deine Karte. Es ist sehr lieb von Dir, daß Du mir geschrieben hast. Ich hatte Dir etwas Schokolade geschickt, aber sie scheint nicht angekommen zu sein. Ich schicke Dir heute wieder etwas. Ich hoffe, ich werde bald zu Mama reisen können, nur der Paß dauert so lange. Bist Du denn schon richtig im Gefecht? Es ist besser, daß es langweilig ist, als wenn es zu gefährlich wäre. Mama hofft, bald nach Pergine kommen zu können. Viele Küsse, behalte mich lieb und schreibe mir bitte wieder einmal.
Deine Annina
Annina Marcovaldi an Martha Musil, 1. Juli 1915



Datum: 1. Juli 1915
Ort: Berlin / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1005/29/10
–> Martha Musil
–> Annina
–> Im Fersental
Liebe Mama!
Ich danke Dir sehr für Deine beiden Karten. Als sie ankamen, war ich gerade in Dahlem, denn Edith hatte mich eingeladen, Samstag abend hinauszukommen und bis Sonntag abend zu bleiben; es war dort sehr schön. Hoffentlich erhalte ich bald meinen Paß. Morgen fangen schon die Ferien an. Heute habe ich eine Karte von Robert bekommen; er schreibt, daß es ihm gut gehe, aber es so langweilig sei. Ich habe ihm jetzt schon geschrieben und schicke ihm auch Schokolade, das vorige Muster scheint nicht angekommen zu sein, denn ich wußte nicht die Feldpostnummer. Ist das Bataillon zusammen, oder ist die 2. Kompagnie wo anders? Glaubst Du, daß Du schon wieder nach Pergine kannst? Ist es nicht zu unsicher, wenn Pergine ziemlich nahe liegt? Ich habe Dir jetzt ein paar Tage nicht geschrieben, weil ich immer hoffte, daß ich schon inzwischen reisen könnte. Wir waren vor ein paar Tagen in der Wohnung und haben die Kleider, die Du brauchst, hergeholt. Dein weißer Kostümrock mußte zum Reinigen gegeben werden. Wenn ich nach Innsbruck reise, werde ich für Dich einen Handkoffer mitnehmen müssen.
Hoffentlich kann ich schon recht bald zu Dir reisen. Es wäre doch gar nicht nötig, daß Du mir bis Kufstein entgegen kommst. Von Kufstein bis Innsbruck fährt man ja nur 1 ½ Stunden und dann bin ich ja schon über der Grenze. Ich hoffe, Dich schon sehr bald wiederzusehen.
Viele Küsse
Deine Annina
Martha Musil an Robert Musil, 2. Juli 1915

Datum: Juli 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/6/1
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Ich schreibe schon mit zwei Fingern der rechten Hand. Es geht gut, tut nur beim Verbinden weh, weil noch etwas Eiter ist und der Einschnitt offengehalten werden muß.
Wenn es nur Dir gutgeht!!!
Ich schicke Dir das in etwas Süßem. Gestern keine Nachricht. Hoffentlich heute. Hier viel Regen.
Ich küsse Dich tausendmal
Deine Martha
Ich verschaffe mir heute auf alle Fälle eine Reiselegitimation.
Martha Musil an Robert Musil, 2. Juli 1915


Datum: Juli 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/6/2
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Deine Karte erhalten, froh, daß Du wieder wohl zu sein scheinst! Dir heute etwas Süßes geschickt. Wegen der Seidenhemden in allen Geschäften gefragt, die Marke hier nicht bekannt. Habe aus grauem Seidenstoff (Regenschirmstoff) eins anfertigen lassen, schicke es morgen; ich glaube, es ist praktisch, am Hals offen und geschlossen zu tragen (natürlich auch unter der Bluse). Erkälte Dich nur nicht, wenn Du es statt Bluse trägst. Nimm dann das Wolljäckchen mit, wenn Du Dich setzt, anzuziehen.
Ich will mir für jeden Fall die Reiseerlaubnis bis Pergine verschaffen, um sie im Bedarfsfall zu haben. Auf dem Rathaus habe ich sie schon bekommen, aber für die Bestätigung beim Militärkommando brauche ich einen Brief von Dir. Am besten, Du schreibst einen gewöhnlichen Brief, den Du so anfängst … Es wäre doch dringend erforderlich, daß Du im Laufe des Monats nach Pergine kommst, damit ich Dir die Papiere persönlich übergeben und wegen der verschiedenen geschäftlichen Dinge mit Dir sprechen kann. Schriftlich ist es unmöglich usw. Schreib das Monatsdatum zu Anfang des Briefs mit römischer Ziffer (VII). Ich benutze diese Legitimation nur dann, wenn Du es willst, aber ich möchte sie haben. (Evtl. für Bozen würde ich eine andre benutzen; die wird leicht zu haben sein.) Ich schreibe mit zwei Fingern, daher so schlecht.
Mach Dir keine Gedanken wegen des Geldes! Fischer zahlt noch; und wir haben auf der Bank Ersparnisse. Ich habe hier auch ein Sparkassenbuch, mit dem Geheimwort: Centralhotel. – Wenn man das vergißt, bekommt man das Geld nicht – aber ich vergesse es nicht. –
Deine Mama schickt 20 Kronen, damit ich Dir dafür verschiedenes schicke, ich möchte aber alles selbst schicken und von dem Geld nur die Musterschachteln und Marken und dergleichen kaufen. Sie braucht das ja nicht zu wissen. Schluß! Der Brief soll gleich zur Zensur.
Tausend Küsse von Deiner
Deiner Martha.
Konrad Helly an Robert Musil, 2. Juli 1915



Datum: 2. Juli 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1005/13/1
–> Martha Musil
–> Annina
Euer Hochwohlgeboren!
Aus der Unterschrift Ihres an mich gesendeten und heute eingelangten Briefes vom 30. vorigen Monats ersehe ich, daß Euer Hochwohlgeboren im aktiven Militärdienst stehen und daher ebensowohl wie ich in Kenntnis des Umstandes sein müssen, daß das Kriegsüberwachungsamt „seine Maßnahmen ausschließlich auf Grund besonderer amtlicher Informationen“ trifft. Diese Tatsache teilte ich meiner Frau mit, als sie mir erzählte, daß sie Ihrer Frau Gemahlin das Anerbieten der Intervention in der bewußten Angelegenheit zur Beschleunigung von deren Erledigung gemacht hatte. Es war sohin ganz selbstverständlich, daß meine Frau mit den an Ihre Frau gerichteten Zeilen ihr Anerbieten zurückzog, da sie für ihre Person kaum einen „amtlichen“ Charakter in Anspruch nehmen konnte. Das bloße spontane Anerbieten einer Gefälligkeit verpflichtet meines Erachtens aber nicht zur Ausführung. Der Vorwurf, es handle sich vorliegenden Falles um „den unerlaubten Versuch einer sachlichen Beeinflußung“ kann ich allerdings aus den vollkommen korrekten Zeilen meiner Frau nicht herauslesen.
Königlich bayrischer Universitäts-Professor
Dr. Konrad Helly
Mitglied der Salubritätskommission des k. u. k. Landesverteidigungskommandos für Tirol
Martha Musil an Robert Musil, 3. Juli 1915

Datum: Juli 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Zettel
Archiv: ÖNB – 1006/6/3
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Mit dem Seidenhemd ein leichtes Netzleibchen zum Unterziehen – hoffentlich gefällt es Dir. („Hoffentlich“ ist dafür zu stark.) Hoffentlich bist Du wohl!!! Hast mich lieb!!! Kannst mich bald sehen!!! Der Der Finger ist besser, muß aber noch ein paar Tage offen bleiben, weil noch etwas Eiter da ist; – daher die Schrift. – Tetra ist eine Wiener Fabrik, poröse Baumwollhemden, nicht Seide, aber sehr gut, hier haben sie nur weiße. Wenn Du willst, lass´ ich Dir die grauen aus Wien kommen. Oder willst Du ein zweites seidenes?
Tausend Küsse!!!
Deine
Martha Musil an Robert Musil, 4. Juli 1915


Datum: 4. Juli 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/6/4
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Mit dem Seidenhemd ein leichtes Netzleibchen zum Unterziehen – hoffentlich gefällt es Dir. („Hoffentlich“ ist dafür zu stark.) Hoffentlich bist Du wohl!!! Hast mich lieb!!! Kannst mich bald sehen!!! Der Der Finger ist besser, muß aber noch ein paar Tage offen bleiben, weil noch etwas Eiter da ist; – daher die Schrift. – Tetra ist eine Wiener Fabrik, poröse Baumwollhemden, nicht Seide, aber sehr gut, hier haben sie nur weiße. Wenn Du willst, lass´ ich Dir die grauen aus Wien kommen. Oder willst Du ein zweites seidenes?
Tausend Küsse!!!
Deine
Martha Musil an Robert Musil, 5. Juli 1915


Datum: 5. Juli 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/6/5
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Eben Bewilligung nach Bozen erhalten. – Hoffentlich bald!!! Soll ich nicht doch unten bleiben? – Ich bringe Dir die Mappe, aber es ist mir nur recht, wenn ich dabei bin!
Tausend
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 6. Juli 1915


Datum: 6. Juli 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/6/6
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Eben Deine Karte auf der Post gefunden. Herrlich, daß es wirklich wird: Nur ärgerlich, daß Du so spät meine Nachricht bekommst, daß ich die Legitimation habe. Wenn ich bis Freitag den 9. nichts von Dir höre, fahre ich mittags nach Bozen, Hotel Kaiserkrone (das alte, schöne Haus), und warte dort auf Dich. Jedenfalls aber bereite ich alles vor und komme sofort, wenn Du früher Nachricht gibst.
Tausend
Deine Martha
Der Finger ist besser.
Die Arbeit liegt schon seit gestern bereit.
Annina Marcovaldi an Martha Musil, 6. Juli 1915



Datum: 6. Juli 1915
Ort: Berlin / Feldpost
Typ: Postkarte
Archiv: ÖNB – 1005/29/11
–> Martha Musil
–> Annina
–> Im Fersental
Liebe Mama!
Heute bekam ich Deinen Brief vom 1. Hoffentlich ist Dein Finger wieder besser. Das Konsulat sagt, daß es sehr lange dauern würde, wenn es nach Wien schriebe, aber Dr. von Rosenberg hat einen Freund im Ministerium des Inneren, der es vielleicht beschleunigen könnte. Der Weg mit der Polizei geht nicht, weil man immer einen einzelnen Paß haben muß. Ich hoffe auch, daß der Paß bald kommt, er kann jeden Tag eintreffen, aber auch noch sehr lange dauern. Robert hat mir geschrieben, daß er 2 Briefe von mir erhalten habe. Heute habe ich ihm wieder geschrieben. Ein Muster Schokolade ist zurückgekommen, wegen falscher Adresse, ich habe es wieder hingeschickt.
Ich hoffe, Dich bald wiederzusehen.
Viele Küsse
Deine Annina
Annina Marcovaldi an Robert Musil, 6. Juli 1915


Datum: 6. Juli 1915
Ort: Berlin / Feldpost
Typ: Feldpostkarte
Archiv: ÖNB – 1005/29/11
–> Annina
–> Im Fersental
Lieber Papa!
Habe heute ein Paket Schokolade, das ich Dir geschickt hatte, zurückbekommen, weil ich Deine richtige Adresse nicht wußte. Ich habe sie Dir wieder geschickt. Mein Paß wird leider noch sehr lange dauern, ich glaube nicht, daß ich vor der nächsten Woche reisen kann. Ich bin froh, daß die Italiener nichts machen und es Dir gutgeht. Bitte schreibe mir bald wieder.
Viele Küsse
Deine Dich sehr liebende
Annina
Annina Marcovaldi an Martha Musil, 10. Juli 1915


Datum: 10. Juli 1915
Ort: Berlin / Innsbruck
Typ: Feldpostkarte
Archiv: ÖNB – 1005/29/12
–> Annina
–> Im Fersental
Liebe Mama!
Mein Paß ist leider noch nicht gekommen, aber Zia Hanna hat heute dem Ministerium telegraphiert, es möchte telegraphisch die Reiseerlaubnis senden. Dann würde mir der Konsul hier den Paß ausstellen. Es ist schön, daß Du Robert wiedersehen kannst. Vielleicht erfährst Du garnicht meine Abreise, weil man doch nicht telegraphieren kann, aber wir würden Dir eine Expreßkarte schicken. Ich würde schon Deine Wohnung finden. Ich gehe jetzt wieder ins Konsulat um zu fragen, ob was ist.
Viele Küsse
Deine Annina
Ich würde Schlafwagen fahren. Zia Hanna schenkt mir die Fahrkarte.
Martha Musil an Robert Musil, 12. Juli 1915


Datum: 12. Juli 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/6/8
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Wieder Innsbruck. Furchtbar allein. Gefühl, daß es nicht lange dauern kann. Daß Du bald hierher kommst. Dein Brief. Deine Photographien. –
Deine Martha –
Ich schließe Dich ein.
Martha Musil an Robert Musil, 12. Juli 1915


Datum: 12. Juli 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/6/7
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Das Paket wurde mir heute von Deiner Mutter geschickt; es ist das gleiche, das sie damals nach Pergine geschickt hatte und das sie erst jetzt zurückerhalten hat. Deshalb habe ich es genau angesehen und einiges, was mir verdorben schien, fortgeworfen. – Die Wurst sieht gut aus, aber ich kenne mich nicht darin aus. Laß sie von Raudaschl gut prüfen, man muß bedenken, daß sie schon sechs Wochen in der Schachtel verpackt liegt. Also laß sie anschneiden und kosten. Wenn sie nicht ganz sicher scheint, wirf sie fort. Probiere auch die Sardinen zu Hause, denn es ist die gleiche Qualität und Packung, die damals bei der Trienter Sendung verdorben war.
Deine Martha
PS: Es wäre vielleicht besser für Dich, die Wurst auf keinen Fall zu essen; – wenn sie gut ist, kannst Du sie ja Raudaschl geben. Ich schicke Dir die verleumdete Mütze mit, denn Deine liebe wird bald hin sein und dort oben kannst Du sie doch vielleicht tragen.
Küsse
Von mir ist nur das Hemd und die Schokoladebonbons und meine Hände sind darin und meine Küsse.
Martha Musil an Robert Musil, 13. Juli 1915


Datum: 13. Juli 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostbrief
Archiv: ÖNB – 1006/6/9
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster Liebster!
Wieder Papierküsse! – Daß wir uns gestern noch gesehen haben! Unverständlich wie ein fehlendes Herz. (Die Trennung.) Ich lebe hier automatisch fort. Du dort auch, aber mit Blickzücken nach außen und innen. Rückenwärmer liegen zusammengerollt, haben höchstens Maulwurfsfühler. – Ich schicke Dir mit dem Mann einen Brief und vielleicht schon das zweite Seidenhemd: ich glaube, er fährt Donnerstag. Heute ist Frau von Pospischil hier, hat Schwierigkeiten wegen der Reise, aber nicht zu große. Noch nichts über Anninas Reise erfahren.
Ich möchte mich aus diesem Kriegs-Glassturz befreien. Aber wie? Ich sitze unter dem einen und Du unter dem anderen.
Möchte einmal mit Dir hiersein. (Bald einmal.) Innsbruck hat mich gern. (Rom hatte mich sehr gern.) Berlin gar nicht. (Ich finde es drückt besser das Gefühl aus, wenn man es von der Stadt aus ansieht.
Tausend Küsse
Deine Martha
Der Finger ist besser. – Wie geht es der kleinen Wunde?
Martha Musil an Robert Musil, 14. Juli 1915


Datum: 14. Juli 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/6/10
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster, kleiner Robi! Robertl!
Ich schicke Dir einen geschlossenen Brief – und das Paket – durch den Mann. Hab´ noch nichts von Dir bekommen. Hoffentlich morgen. Die ganze Farce muß bald vorübergehen: ich will nicht mehr unfreiwillig von Dir getrennt sein – höchstens aus freiem Willen für die Arbeit, aber nicht fürs Vaterland. In der Züricher Zeitung liest man von guten Aussichten in Rußland, vielleicht sind sie wirklich zu machen.
Ich führe jetzt hier wieder gar kein Leben, bin wie ein Satz mit falscher Interpunktion oder so hin- und herfahrend wie der Luftkegelball.
Auf der Reise fuhr ich mit einer sehr hübschen, jungen Offiziersfrau zusammen, seit zwei Monaten Witwe, aber nur manchmal konventionell trauernd, sonst sehr lustig. Sie kam aus Rovereto, erzählte, wie gut es die Herren dort noch haben (auch Friedel), sie speisen mittags und abends im Speisewagen, der dort Endstation hat und einen Tag bleibt, und lassen sich alle guten Dinge mitbringen. – Vollste Ruhe dort und auch in Riva. Sie erzählte, daß ihr Mann (der, nach einem Lungenschuß aus Galizien schon fast geheilt, Lungenentzündung bekam und in Riva gestorben war) vor seinem Tode zu den Kameraden – lauter jungen Leuten, die immer bei ihnen waren – gesagt hätte: „Ich sorge für Euch mit gutem Essen und Ihr müßt nach meinem Tode für meine Frau sorgen.“ Und das tun sie wirklich.
In Rovereto ist nur das Hotel R., in dem wir wohnten, geöffnet. Mir sind jetzt die beiden Bozener Hotels die liebsten. Das morgens neben Dir Erwachen dort – und hier das allein Erwachen.
Ich Du.
Deine Martha
Tausend Küsse. Aber nicht auf dem Papier. Es ist so unsinnig: Ich kenne Dich, ich fühle Dich, ich sehe Dich, spüre Deine Haut und Du bist nicht hier. Hast vier Beine und gehst ganz allein auf zweien herum.
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 16. Juli 1915

Datum: 16. Juli 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/6/11
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Was für einen ganz unvernünftigen Einfluß solche Karten haben! Feldpostkarten! Deine ersten beiden wieder: Ich war schon ganz trübe und müde in diesen Tagen, ohne jede Nachricht. Und jetzt fand ich sie. Und sofort strafft sich die Haut, von innen lacht es heraus und man stapft mutig und glücklich durch die Straßen in sein ödes Zimmer. (Der Finger ist viel besser, noch nicht ganz gut, ich soll ihn noch verhängt tragen.) Daß Du so viel zu tun hast, so langweilige Sachen zu tun! Armer. Kleiner. Robi. (Ich schlucke Dich.) Das Zimmer in Bozen war mir auch so sonderbar; ich wäre gern noch dort geblieben. Es hatte etwas Unwirkliches, so als ob das gar nicht das Zimmer wäre, sondern man aus dem Fenster schauen müßte, um es zu suchen; wie ein Spiegelbild und wir darin. (Am Nachmittag – bevor Du kamst – bin ich lange Zeit nackt darin auf und ab spaziert, in der lauen Wärme und dem Dämmerlicht, das eigentlich kein Licht war, sondern durchsichtige Farbtöne, wie bei Carrière.) Ich habe noch das Gefühl, daß es eigentlich unser Zimmer war: Wenn man aus den kleinen Fenstern auf die Straße hinausschaute, war es so abseits und geschlossen hinter uns, nicht zum Draußen gehörig, wie wir.
Annina ist traurig, daß sie noch immer nicht den Paß bekommt, aber sie hofft täglich darauf.
Frau Happak schreibt, daß sie Oberstleutnant Hirsch in Linz gesehen hat. (In Deinem Paket liegt ein kleines Päckchen für Happak.) Bitte gib die Wurst Raudaschl – wenn sie gut ist -, ich habe Angst, daß sie Dir schlecht bekommen könnte. – Sardinen und Marmelade prüfen! Sollten die Sardinen schlecht sein, schreib es Deiner Mama, damit sie nicht mehr die gleiche Sorte schickt. – Ich habe heute zwei Reste Gummibinden gekauft, die ich Dir nächstens schicke; – sind sehr schwer zu bekommen. Ich schicke auch Spagat mit. – Deine Einkäufe? Wird es möglich sein?
Ich habe Blei Deine Photographien geschickt. Hätte gern die Platten von den zwei oder drei besten Bildern, denn es bleiben uns wenige. Die Gräfin möchte auch ein Bild haben.
Tausend – Küsse auf dem Papier sind wie Verfolgtwerden im Traum.
Deine Martha
In dem Paket lag ein Brief von mir.
Annina Marcovaldi an Martha Musil, 17. Juli 1915


Datum: 17. Juli 1915
Ort: Berlin / Innsbruck
Typ: Postkarte
Archiv: ÖNB – 1005/29/13
–> Annina
–> Im Fersental
Liebe Mama!
Ich hoffe, daß ich jetzt den Paß bald bekomme, denn das Generalkonsulat hat selbst nach Wien telegraphiert und um dringende Erledigung gebeten. Ich gehe mittags wieder hin um nachzufragen, hoffentlich ist die Erlaubnis schon da. Ich habe Wolfenstein vor ein paar Tagen gesprochen, er ist betrübt und gekränkt, daß Robert ihm nicht geantwortet hat. Er hat ein Gedicht auf Robert gemacht, das er in einer Zeitung drucken lassen will. Wir haben schon ziemlich lange keine Nachricht von Dir.
Viele Küsse
Deine Annina
Martha Musil an Robert Musil, 18. Juli 1915


Datum: 18. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostbrief
Archiv: ÖNB – 1006/6/12
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Gestern das Gedicht, heute die Karte, wo es noch im pelzigen Kopf sitzt. Ich freu´ mich so darüber; darf nicht sagen, wie es mir gefällt. Wann wirst Du wieder Datteln essen? Der Vergleich gefällt mir sehr. Diese klebrige, feine Haut. Kleben, kleben. Habe immer die Vorstellung von dem, was ich nicht tat. Der Hauptmann war daran schuld. Prophezeiungen alle gut für Dich und mich. Du: große Ehren, Geld, Erfolg … Nach dem Krieg wird das viel leichter sein als vorher. Du mußt Dich nur mit Magen und Darm in acht nehmen. Du hast Tage, an denen Du zuwider bist, aber dafür kannst Du nichts, ist Veranlagung. Erbteil. – Eine Frau in der Verwandtschaft ist sehr unangenehm, aber Du wirst ihr wieder einmal die Meinung sagen, und dann wird es gehen. – Eine ledige Freundin, deren Bräutigam auch im Feld ist, beneidet mich sehr. Sonderbar, nicht? Ich muß sehr auf den Mond achten, bei zunehmendem glückt mir alles, bei abnehmendem mißlingt alles. –
Der Zaubervogel will sich auf dem Nacken breiten.
Deine Martha
(Heute vor einer Woche)
Wenn Du mir etwas schnell und sicher mitteilen willst, laß einen Brief in Pergine expreß oder eingeschrieben aufgeben. – Ich kann es auch so machen. –
Tausend
Martha Musil an Robert Musil, 18. Juli 1915


Datum: 18. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Palai bei Pergine
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/6/13
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Dieser Brief geht mit einer Dame, Baronin Sordean aus Levico, die einige Tage hier war und wieder zurückfährt. Sie wohnt ganz ruhig in Levico, ganz ohne Angst, hat vom Oberstleutnant die Erlaubnis bekommen. Für Pergine braucht man überhaupt keine Erlaubnis, weil es ja nicht evakuiert ist; – man muß nur erst hineinkommen, und das ist augenblicklich von hier aus schwierig. Frau von Pospischil ist vorläufig abgewiesen, aber sie hat es falsch angefangen, wird es schon noch erreichen. Ich hoffe, daß Dein Brief (den ich habe) genügt – wenn ich fahren will, – anderenfalls müßtest Du mir noch einen Brief schreiben, ganz ähnlich: daß ich hinkommen soll, um die wichtigen, deponierten Effekten abzuholen – selbst wenn es Dir nicht möglich sein sollte, von oben hinunterzukommen, um mich zu sehen. – (Frauen von Zivilpersonen bekommen nämlich viel eher die Erlaubnis als Offiziersfrauen, weil der Befehl da ist, daß Offiziersfrauen nicht zu ihren Männern fahren dürfen.) Du mußt Dir das merken – den Brief aufheben – denn wenn Deine neue Aufforderung nötig wäre, würde ich Dir in einem offenen Brief nur eine Andeutung machen können.
Tausend Küsse
Dein Gedicht …
mich
Ich darf nichts sagen, weil Du´s nicht gern hast.
Aber darf ich nicht sagen, daß es ganz so ist, wie das Zimmer und wir? Das, was ich nicht ausdrücken kann.
Deine Dattel Martha
(Schön.)
Gummibinden und Spagat schicke ich mit. Zum Niegebrauchen.
Martha Musil an Robert Musil, 18. Juli 1915


Datum: 18. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/16/12
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Ich schicke Dir die Anfrage des Bühnenjahrbuchs. Eben erhielt ich von der Statthalterei die telephonische Nachricht, daß Anninas Reise bewilligt ist; sie wird sicher gleich kommen.
Ich küsse Dich tausendmal.
Deine Martha
(Hab´ auch Gedichtversuche gemacht, aber es geht nicht.)
Deine Martha
Bleib gesund!
Paß auf Magen und Darm auf!
(Ich hab´ mir wahrsagen lassen.)
Martha Musil an Robert Musil, 19. Juli 1915


Datum: 19. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/6/14
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Bis jetzt noch ohne Nachricht, hoffentlich später. Ich hatte wieder Schmerzen in der Hand und bildete mir ein, auch im Arm, war jetzt in der Klinik, aber der Arzt sagt, daß gar nichts ist. Also habe ich keine Schmerzen mehr!
Nelly Alexander. Oh! Oh! Sollte sie sich zerstreuen wollen? – Hans wird jetzt ausgebildet. Ich bekam gestern von der Statthalterei die Nachricht, daß die Reisebewilligung da sei, und erwartete Annina schon heute, aber sie kam nicht. Vergiß nicht, nach Aussee oder Franzensbad zu schreiben. Hindenburg hat wieder angefangen, hoffentlich ist Polen bald erobert.
Tausend Küsse von
Deiner Martha.
Hurra! Deine Karte! – Du sollst auch auf den Kopfschmerz aufpassen (wurde gesagt)!
Ich möchte Dir Datteln schicken. Tausend
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 20. Juli 1915


Datum: 20. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/6/15
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster! Liebster!
Heute keine Nachricht von Dir. Kopfweh, bös. Sehn-Sucht. Du dort und ich hier. Es ist unsinnig: Nächstens geh´ ich zu Fuß zu Dir. Wenn ich von der Post ohne Brief nach Hause gehe, gehe ich durch zähen Widerstand, mit einem Brief sehe ich nur das Bild meiner Füße vor mir in der Luft zwitschern.
Es enerviert mich auch, daß Annina nicht kommt, wo schon seit Sonntag die Erlaubnis da ist; Offenbar ist sie erst später nach Berlin gekommen, – ich gehe jetzt immer zum Schnellzug zur Bahn (mittags). Wann kommst Du?
Ich sehe oft den „Törleß“ an, er ist wunderschön, so klar und mächtig und reich, wie sein Sohn. (Ich sage mir den ganzen Tag Deine Gedichte auf. Im letzten ist das Ungreifbare und Unsagbare eingefangen.)
Ich habe jetzt wieder solche Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges. Durch Hindenburg. Glaubst Du auch daran? Die Italiener sollen gar nicht für den Winter ausgerüstet sein.
Heute ist ein böser Tag: 20. Juli 1915, klingt so drohend, tölpelhaft schwer.
Tausendmal
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 21. Juli 1915


Datum: 21. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/7/1
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Zwei Karten – sehr froh, aber nicht schwingend, weil Du verstimmt bist. Ich schreibe Dir heute noch, jetzt nur einen Gruß, den ich gleich in die Bahn werfe. Frau von Pospischil wird dieser Tage fahren, ich gebe ihr einen Brief und Süßigkeiten, sonst weiß ich leider nichts. Muß bald selbst fahren … Der Finger ist unverbunden, sieht noch nicht schön aus, aber wird besser.
Tausend Küsse
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 21./22./24. Juli 1915


Datum: 21. Juli 1918, 22. Juli 1918, 24. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/7/2
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Lieber Liebster, kleiner Robertl!
Ich bin heute ganz klein und müde und zusammengedrückt; von etwas Häßlichem gezwungen, bin ich hier in Innsbruck aufgehängt und sehe ganz trostlos nach Dir aus. (Mache die Augen zu und schicke Strahlen zu Dir aus dem Dunkel, aber sie finden Dich nicht, werden ganz fern von einem Dämmern aufgenommen.) Da bist Du. Und in mir und an mir. Unter meinen Achseln und in meinem Dunkel bist Du auch.
Es erregt mich so, daß Annina nicht kommt, weil ich wieder frei sein will, um nach Pergine zu gehen. (Frau von Pospischil wird diesen Brief mitnehmen; hoffentlich darf sie bald fahren.) Dort sähe ich doch die Berge, in denen Du bist, und kann Dich auch manchmal sehen (ich hinaufgehen und wieder hinunter, ohne daß man es weiß, oder bis Orsola). Ich würde dort allein leben, nicht mit den Offizieren zusammen. Wenn die Gräfin auch hingeht, mit ihr. – Aber ich kann nach Pergine gehen, auch wenn sie hierbleibt: während ich nicht ohne sie in Palai sein könnte. – Frau Faber, die kleine Dumme, ist bei ihrem Mann in einem kleinen Gebirgsnest, sieben Stunden von Bruneck, mit dem Leiterwagen hinaufgefahren, und bleibt vorläufig dort. (Er arbeitet, kommt nur abends hin.) Und ich muß hiersein, weil Du Dich beugst (verbeugst). – Wenn Du wenigstens Sappeurhauptmann wärst; ganz allein mit Dir in einem Gebirgsnest und von ferne Kanonen … Ein Major, der aus Galizien gekommen ist, sagte gestern: „Kanonendonner ist wie die wilde Jagd, wie Lützows wilde Jagd.“ Das habe ich auch in meinem Tagebuch notiert. Dann auch „wie Hundegebell und Wasserrauschen.“ Vorgestern sind die Kaiserjäger von Galizien gekommen und hinuntergegangen, vorläufig bis Bozen, auch die Landesschützen … Dafür sind Deutsche gekommen. Ich hätte gern, daß recht viele Deutsche gegen Italien gingen, es wäre beruhigender; – Bei Görz sollen nur Österreicher sein. (Ich empfinde für die Deutschen, wie ein Student für sein Corps.) In Wirklichkeit empfinde ich nur für Dich, aber ich kann patriotische Gefühle bei den Deutschen, den Italienern, den Spaniern, den Franzosen usw. verstehen, nur nicht bei den Österreichern. Es gibt doch gar kein Österreich, nur eine Kaiserstadt und alle möglichen Länder. (Stöckchen?!)
Ich fühle mich heute nicht * ganz wohl, vielleicht Vorboten. Ich küsse Dich die ganze Nacht entlang – Deine
22. VII. Ich bin wohl, aber habe so sonderbare Anzeichen, genau wie damals nach Franzenshöhe-Trafoi in Berlin. Wenn es morgen nicht vorbeigeht und das Regelmäßige daraus geworden ist, muß ich zum Arzt gehen. – Es wäre fatal; aber ich hoffe nicht. – Es wäre ein Zeichen, daß ein kleiner Robi durchaus zur Welt kommen will. Dann müßte ich mich ein andermal ganz ruhighalten …
Deine Martha
Küsse! Tausend Küsse!
24.
Ich schicke den Brief jetzt erst fort. Frau von Pospischil fährt nicht … Ich bin wieder ganz wohl, glaube, daß es überflüssig sein wird, den Arzt zu fragen. – Das neue Gedicht? Springt es aus dem Kopf heraus?
Möchte mit Dir Luftschlösser bauen. Hab´ Dich heute Nacht mit einem Zivilhut gesehen, in der Mitte eingedrückt, stand Dir gut. Bitte schnell kaufen! Mit Deiner Martha
Annina Marcovaldi an Robert Musil, 22. Juli 1915


Datum: 22. Juli 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkarte
Archiv: ÖNB – 1005/34/4
–> Annina
–> Im Fersental
Lieber Papa!
Ich danke Dir sehr für Deine Karte. Ich habe noch immer nicht meinen Paß, es ist schrecklich, daß es so lange dauert. Ich habe neulich Wolfenstein getroffen, er war betrübt und gekränkt, daß Du ihm nicht geschrieben hast. Er hat ein Gedicht auf Dich gemacht, das er in einer Zeitung drucken lassen will. Ist Dr. Wolff jetzt als Offizier da? Ich finde es sehr gefährlich, wenn die Granaten bis ins Haus kommen. Hoffentlich geht es Dir gut.
Viele, viele Küsse
Deine Annina
Annina Marcovaldi an Martha Musil, 22. Juli 1915


Datum: 22. Juli 1915
Ort: Berlin / Innsbruck
Typ: Postkarte
Archiv: ÖNB – 1005/29/14
–> Annina
–> Im Fersental
Liebe Mama!
Mein Paß ist noch immer nicht da, aber ich hoffe, daß er jetzt bald kommt. Ich habe Dich nicht verstanden, ob die Erlaubnis direkt mir geschickt wird oder zum Konsulat. Eben ist ein Brief von Spoel gekommen, mit einer Karte von Gaetano vom 4. Juli daß er wieder in der Akademie ist. Heute ist eine Karte von Robert gekommen, ich habe ihm gleich wieder geschrieben. Zio Jacques ging es nicht sehr gut, er hatte wieder Schmerzen, jetzt geht es ihm wieder besser, aber er liegt noch zu Bett.
Hoffentlich sehe ich Dich wirklich bald wieder.
Viele Küsse
Deine Annina
Hanna Casper an Robert Musil, 22. Juli 1915


Datum: 22. Juli 1915
Ort: Berlin / Innsbruck
Typ: Feldpostkarte
Archiv: ÖNB – 1005/8/1
–> Hanna Caspar
–> Im Fersental
Lieber Robert!
Deine Karte vom 14. Juli kam hier am 20. an, das Lebenszeichen hat uns sehr erfreut, obgleich Jacques gerade recht unwohl war. Heftige oder minder heftige Schmerzen hat er seit circa 2 1/2 Wochen im linken Arm, die wohl mit dem Herzen zusammenhängen. Er blieb schon mal ein paar Tage im Bett, aber dann waren wir wieder aus, und er rauchte auch natürlich dazwischen.
Vor ein paar Tagen wurde es aber zu heftig und er muß sich jetzt in Acht nehmen. Seit gestern Mittag war er wohl und auch noch folgsam, – wie es morgen werden wird, weiß ich noch nicht, hoffentlich bleibt es gut; ich hatte mich furchtbar geängstigt. –
Heut Abend bekomme ich Expresskarte von Martha, daß sie seit Montag weiß, daß Anninas Reise bewilligt ist, und die Nachricht direkt vom Auswärtigen Amt Wien, nach Berlin Generalkonsulat kommen soll. Bis jetzt leider noch nicht hier und Martha wartet schon an der Bahn vergebens. –
Anninas Freude heute Abend kannst Du Dir denken, sie strahlte. Sie ist jetzt sehr reizend; ich hoffe, Du kannst sie sehen!
Lieber Robert, das Allerbeste wünschen Dir
Deine Caspers
Martha Musil an Robert Musil, 23. Juli 1915


Datum: 23. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostbrief
Archiv: ÖNB – 1006/7/3
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster Liebster!
Endlich heute nachmittag zwei Karten (gestern nichts). Bin durch meine Trübsal hindurch froh (heute sehr matt, vergehend, – natürlich – oder vielleicht auch nicht – ich weiß nicht genau) – jedenfalls nichts, aber es wäre sonderbar, wenn das jetzt immer kommen möchte, gerade so sonderbar, wie daß Du Gedichte machst. Ich finde das zweite Gedicht sehr schön (das erste habe ich auch sehr lieb). Du gibst das gleiche darin, was Du in der Prosa gibst. (Annina hat mir geschrieben, daß Wolfenstein ein Gedicht auf Dich gemacht hat, das er nächstens veröffentlichen will. Annina sprach ihn, er soll sehr gekränkt sein, daß Du ihm nie geschrieben hast.) Liebster, es ist doch gut, daß Du die Arbeit da hast. Du mußt verzeihen, wenn ich Dir nicht ganz glaube (daß sie Dir nicht gefällt). – Ich war auch so froh über die Prophezeiung (hatte etwas Angst) – alles so gut für Dich (und mich). Es war amüsant: Eine ganz einfache, ältere Person mit einem Blähhals, schlechtes Zimmer in einem kleinen Hotel, Kartoffeln auf dem Ofen. Sie hatte offenbar keine Ahnung, was Du sein könntest, war nur immer erstaunt über ihre Karten: Du hattest alles um Dich (aber keine andren Frauen) – Erfolg, Ehre, alles, was vorher schwer war, wird jetzt leicht gelingen. Du bist klug, bedächtig (kein Trinker). Wir werden in den nächsten Jahren eine Erbschaft machen, dadurch aber gewisse Schwierigkeiten haben. Du stehst mit einem Kollegen nicht ganz gut (ich glaube, sie meinte beim Militär), aber der Streit wird beigelegt, durch Höhere, – Du sollst überhaupt mit Freunden vorsichtig sein. – Ich: habe keine einzige Freundin, soll nie Frauen vertrauen; soll in Gesellschaften (da wir in sehr guter Gesellschaft verkehren, wie sie sah) immer eine recht gute Haltung annehmen, von oben herab, – das wäre viel besser für mich (ganz nett, nicht?). Und dann das mit dem Mond, das mir sehr gefällt. Kriegsende – Ende des Jahrs (hoffentlich!); in Italien fünf politische Morde, in Rußland ähnliches. – Gar nichts von mir zu sagen, bin sehr trübselig. (Nur ein ganz ferner Schein, so weit fort!!!)
Der Brief, den Frau von Pospischil mitnehmen sollte, ist noch hier, weil sie vielleicht doch nicht fahren darf. Aber es ist noch ungewiß – sie hat es nicht richtig angefangen. – Sonst schicke ich ihn Dir mit der Gräfin gemeinsam.
Ich war beim Zahnarzt, weil eine Plombe herausgefallen war, wie Du (leider) bemerkt hattest – und werde vielleicht nach einigen Tagen zum Arzt gehen, um zu fragen, was die sonderbare Einleitung bedeutete. (Nur aus Vorsicht und weil Du-ich, denn ich hatte gar keine Schmerzen.)
Meine Schrift sieht so abscheulich aus, es liegt an der Feder, dem Papier und dem Finger, den ich noch vorsichtig halte: aber es ist fast gut. Du in Palai … Du in meinem Kopf. Hinter meinen Augen gehst Du dort –
Tausend Küsse
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 24. Juli 1915


Datum: 24. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Palai bei Pergine
Typ: Postkarte
Archiv: ÖNB – 1006/7/4
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Bist Du noch so zu erreichen? Ich bin sehr bestürzt – wegen der anderen Nummern – verstehe es nicht. Wenn Du nur dort bleibst. Und morgen werde ich keine Nachricht haben, weil Sonntag ist. Gestern schrieb ich in einem Brief mit der alten Nummer über den Wahrsager. –
Bin sehr ängstlich, vor den Kopf geschlagen.
Tausend
Deine Martha
Welche dieser beiden Karten früher dort?
Martha Musil an Robert Musil, 24. Juli 1915


Datum: 24. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/7/5
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Gleichzeitig eine gewöhnliche Karte. Warum die andre Nummer? Gehört Ihr nicht mehr zu Pergine? Kann man dorthin (zu Felner) nichts mehr schicken? Möchte hin- und herfahren vor Unruhe – und es hilft nichts. – Annina ist noch nicht hier, ich gehe jetzt wieder zur Bahn, schreibe auf der Post, damit die Karten schnell fortkommen. – Könnte doch irgend etwas helfen.
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 25. Juli 1915


Datum: 24. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/7/7
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Ich bin wegen Annina sehr besorgt, weil ich auf zwei Expreßkarten keine Antwort habe – was denken ließe, daß sie schon abgereist war und die Dienstmädchen nicht antworten, weil sie glauben, daß sie inzwischen hier ist. (Hanna und Jacques verreist, ich finde das unbegreiflich – ohne genügend für sie zu sorgen.) Ich kann nicht telegraphieren, habe eben eine Expreßkarte an Carl geschrieben, daß er sich sofort erkundigen soll, und, wenn etwas geschehen wäre, durch das Konsulat der Statthalterei telegraphieren lassen soll.
Liebster, von Dir heute keine Nachricht.
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 26. Juli 1915


Datum: 26. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/7/8
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster, Liebster, Liebster!
Heute Karte und Brief. Nicht bös herumgehen. – Du tust mir unrecht, ich bin ganz immer Du. Nur Du. Aber ich bin so zerfahren, schieße (innerlich) hin und her wie ein Windhund. Ich habe gar nichts Äußeres zu erzählen, lebe so unsympathisch, daß mir selbst davor graut. Nur Café und Pension (Lichtblick Post), weil ich jetzt wenig spazierengehen wollte. – Aber wieder ganz wohl, glaube, daß es überflüssig ist, den Arzt wegen der Einleitung zu fragen. (Finger läßt für Dein widerstrebendes Interesse danken, ist noch etwas bös, hat einen roten Kopf.)
Ich bin noch unruhig wegen Annina. (Dabei ärgerlich, daß mir außer Dir überhaupt etwas Sorge macht.) Nervös, weil alles abgeschlagen wird: telegraphieren unmöglich, bis Kiefersfelden und zurück, um dort zu telephonieren, auch nicht, – weil man beidemal die Bestätigung des jeweiligen Konsulats braucht, also bis München fahren müßte. Ich bin sehr böse auf Hanna, daß sie grade in den Tagen fortgereist ist, ohne Annina unter einen guten Schutz zu stellen und mich genau zu orientieren. – Hanna schickt mir auch gar keine Abrechnungen der Auslagen (es müßte eigentlich jetzt Geld übrigbleiben) und hat gewiß noch nicht mit dem Schweizer Konsul wegen der Hypothek gesprochen. – Dies ist mir jetzt nicht wichtig genug, um ihr darüber zu schreiben, weil ich nur für Dich. An Dich. Denke, aber sie müßte doch für uns an die praktischen Zukunftsdinge denken.
Ich möchte zu Dir kriechen und mich als Fußwärmer zur Arbeit legen. Und daß ich das nicht kann und vielleicht lange nicht kann!!!
Frau von Pospischil fährt morgen nach Linz zurück, hat die Reisebewilligung nicht bekommen. Ich hoffe immer noch, daß ich sie bekomme, weil der Fall etwas anders liegt (weil ich ja nicht zu Dir fahren würde), aber nach meinen gestrigen Erfahrungen wegen des Telegraphierens bin ich auch nicht mehr so sicher. (Ich erwarte Dich immer noch mit einem Zipfelchen Hoffnung hier, aber Du hast nie etwas darüber geschrieben, hast es vielleicht vergessen.)
Jetzt ist ein Major von den zweiten Kaiserjägern hier, mit Frau, Graf Alberti kennt ihn flüchtig: von Cordiere, sehr gute Haltung, sieht gut aus, schon älter, – kommt von Galizien und geht jetzt bald mit seinem Regiment hinunter; ich sitze bei Tisch neben ihm, aber nur abends, weil ich zur Mittagszeit seit einer Woche zur Bahn gehe und dann später esse, zusammen mit einem Hofrat (von der Post) aus Brünn, der Deine Eltern nur vom Sehen kennt. – H. P. (wie Du schreibst) einmal gesprochen, ich und die Gräfin gehen abends meist in das andre Café, Herr Pospischil langweilt mich sehr. Es ist aber ganz amüsant, wie eifrig er bei seiner Arbeit ist und wie stolz darauf, er geht sogar nachts von zehn bis eins ins Kommando, natürlich als einziger; nur weil er sich freiwillig gemeldet hat und so viel tun will wie er kann. Er erkundigt sich sehr nach Dir, ich sagte, daß Du dichtest, er wollte durchaus die Gedichte sehen, ich habe sie natürlich nicht gezeigt, er sagte, ich solle Dich fragen, ob Du es erlaubst, Du würdest es sicher erlauben, er hätte ein Anrecht auf Deine geistigen Arbeiten. (Ich habe Dich gar nicht gefragt, weil ich finde, daß sie vorläufig nur uns gehören, erst wenn es mehr sind, dürfen andre sie sehen.) Liebster, Du weißt gar nicht, was alles und wie alles an mir zu Dir will.
Tausendfach
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 27. Juli 1915


Datum: 27. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostbrief
Archiv: ÖNB – 1006/7/9
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Annina wieder nicht gekommen und auch keine Nachricht, ich kann gar nichts machen und bin schon ganz apathisch geworden. Frau von Pospischil telegraphiert heute von Linz mit Rückantwort an die Köchin Maria und schreibt mir dann eine Expreßkarte, die ich frühestens übermorgen haben kann. Ich hatte heute auf Antwort von Carl gerechnet; aber vielleicht dauern auch Expreßkarten nach und von Berlin sehr lange.
Du mußt das mit Annina recht verstehen, ich hatte keine Sehnsucht oder übergroßen Wunsch, aber ich will doch nicht, daß ihr etwas zustößt und daß man sie so vernachlässigt. Liebster, ich bin so unglücklich; ich kann den Krieg gar nicht mehr aushalten. Pflicht ist ekelhaft … Felner gefällt mir, der kümmert sich nicht um Befehle. Dir ist alles wichtiger als ich.
(Ich lege Dir ein paar Tränentropfen ein.)
Deine arme Martha
Küsse! Und verzeih!
Martha Musil an Robert Musil, 28. Juli 1915


Datum: 28. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Palai bei Pergine
Typ: Postkarte
Archiv: ÖNB – 1006/7/10
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Gestern und heute nichts – hoffentlich heute nachmittag … Morgen schreibe ich einen Brief, den ich gemeinsam mit der Gräfin Alberti schicke … Auch Süßigkeiten. Möchte mich schicken. – Du willst nicht. Heute eine Karte von Carl, daß er Kriegsanleihen für uns gekauft hat; er schreibt, daß er bei Caspers war und auch Annina gesprochen hat. Also scheint nur eine Störung im Postverkehr gewesen zu sein und Annina hat wahrscheinlich den Paß immer noch nicht bekommen. Ich fürchte, daß Du meine Briefe mit der neuen Feldnummer nicht bekommst, hoffentlich gehen sie nicht an den anderen Oberstleutnant Dr. Robert Musil. (Ich abonnierte mich in der Bibliothek und hörte, daß vor einigen Wochen Frau Oberleutnant Dr. Robert Musil das Abonnement aufgegeben hätte.) – Liebster. Wann?
Tausend Küsse
Deine Martha
Auch heute nachmittag nichts! Habe Angst. Deine Deine
Martha Musil an Robert Musil, 29. Juli 1915

Datum: 29. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Palai bei Pergine
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/7/11
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Geliebter, Liebster, Süßer, Kleiner, Robi, Robertl!
Ich habe wieder heute nichts von Dir, gar nichts; hab´ schon solche Angst. Ich liebe Dich, ich bin Deine –
Ich hoffe nur, daß es Unregelmäßigkeiten der Feldpost sind, durch die neue Nummer. Schicke mir doch einmal einen eingeschriebenen Brief durch Pergine (es geht doch täglich jemand hinunter), den bekomme ich wenigstens sicher. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie unglücklich ich bin, ganz par terre (wie Du früher immer gesagt hast), daß ich damals nicht meine Legitimation bis Pergine ausgenützt habe – dann wäre ich noch dort – während es jetzt wohl immer schwieriger sein wird. Man möchte den Kopf an der Wand zerschlagen …
Dieser Brief geht durch einen Kurier (durch Hauptmann Karl Schad übermittelt). Außerdem schicke ich Dir noch Süßigkeiten mit (und Drops, die Du gleich in das kleine, runde Schächtelchen tun wirst!) und zwei Paar weiche Socken, einfach zu tragen oder zum Überziehen (von mir, nicht von Deiner Mama), Seife, Borax und Tee. (Bei Touren solltest Du Tee mitnehmen). Es fährt täglich ein Kurier von hier hinunter und täglich ein Kurier von Pergine nach Innsbruck. Warum bist Du das nicht?
Aber Du könntest vielleicht (via Graf Alberti, Hauptmann Rossmann, Hauptmann Schad, – Armeekommando) für mich etwas mitgeben: Platten der Photographien, Briefe. Hauptmann Schad ist sehr liebenswürdig, wird es gern besorgen. Natürlich muß es in doppeltem Kuvert sein, im Geheimen.
Eben ist Annina gekommen, bin froh, daß sie gut da ist. Jacques ist krank, daher in Berlin, sie haben mir viele Expreßbriefe geschrieben, die nicht angekommen sind. (Ab 1. August darf hier wieder telephoniert werden, aber offiziell nur in Nordtirol.) Annina erzählt mir, daß Dr. Wolff beinahe getötet wurde. Also schießen sie doch so nah. Und Du hast schon fünf Tage nicht geschrieben.
Bitte komm doch!
Ich kann später nicht mehr mit Dir leben, bin wahrscheinlich längst verrückt geworden.
Jetzt noch Deine Martha. Tausendfach.
!Küsse!
Martha Musil an Robert Musil, 30. Juli 1915


Datum: 30. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostbrief
Archiv: ÖNB – 1006/7/12
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster Liebster!
Ich habe schon seit fünf Tagen keine Nachricht von Dir. Du bekommst gewiß auch nichts von mir. Aber ich bin in der Stadt, und Du? Verzeih das Gestrige! Ich bin jetzt und immer
Deine Martha
Ich hab´ gar keinen Mut zum Schreiben.
Hurra! Auf der Post zwei Briefe und zwei Karten. Ich schreibe abends. Ich fliege.
Tausend Küsse!!!
Martha Musil an Robert Musil, 31. Juli 1915


Datum: 30. Juli 1918
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/7/13
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Du bist mir doch nicht bös? Bitte! Nein! – Ich bin wieder ruhiger. (So friedlich wie eine zugedeckte Wolfsgrube.) – Deine Briefe machen mich glücklich! Aber daß Du so weit bist, selbst mit einem ganz langen Schritt nicht zu erreichen! Das werde ich nicht begreifen lernen – man ist auf harten Widerstand gefaßt, möchte sich die Stirn einrennen, aber es öffnet sich, teilt sich, läßt den Weg frei und ist grade so wie vorher. So lebe ich hier. Darum mag ich Dir auch gar nichts mehr von mir erzählen, bin aber glücklich, daß Du von mir wissen willst, möchte Dich „überschütten“, mit Haut und Haaren bedecken, von Deinem Kopf bis zu den Fußspitzen, ich werde Dich zerdrücken (aber nicht ganz). Und bald. Du wirst schon sehen, daß ich komme. Wie, weiß ich noch nicht.
Es gefällt mir sehr, in dem einen Punkt methodisch deutsch und ganz gründlich zu sein (bin es schon jetzt in Gedanken), es ist schade, daß man noch auf Geld und Ehren warten soll.
Annina ist sehr nett und sieht gut aus, so ein Geschöpfchen, an dem noch alles etwas zu sprossend ist, hat viel Reiz. Sie freut sich, daß sie hier ist, trotzdem es ihr eigentlich langweilig sein muß. Ich habe doch ein zweites Zimmer für sie bekommen (für den gleichen Preis), es ist viel angenehmer. Sie hatte Dir wieder Schokolade aus Berlin geschickt, wird Dir jetzt schreiben. Manchmal sagt sie etwas Nettes. Hier ist ein sehr hübsches Mädchen, die Schwester der Frau Prof. Helly, ganz jung, aber ganz verpudert, sehr raffiniert und kokett. Annina findet sie auch sehr hübsch und sagte: „Aber ich glaube, sie kann nicht wirklich lieben, ich möchte nicht ihr Mann sein.“
Ich habe jetzt gar keine Stimmungen gehabt, die ich Dir beschreiben könnte, bin ganz leer. Nur einmal lag ich im Regen (morgens) im Bett, ich lag vor der offenen Tür und war so ganz dem Regen hingegeben, der Du warst. (Ich habe sogar ein Gedicht darauf gemacht, aber leider ganz talentlos.) Bekomme ich nicht das dritte?
Ich schicke Dir Anfang nächster Woche die Marsgamaschen und verschiedenes in gleicher Weise wie letztesmal.
Der Beginn = schwarze Fetzen von W. gespuckt – gar nicht verspätet. Dann wieder gut – jetzt ganz wohl. (Nicht Dich grausen vor dieser Realität.)
Heute ist Lublin besetzt! – Vielleicht geht es doch schneller, als man annimmt, oder wir können uns wenigstens gemeinsam einschneien lassen.
Bekommst Du die Zeitung regelmäßig? Laß den Ofen in Deinem Zimmer bald nachsehen. Er ist doch auch von Deinem Zimmer aus zu heizen? (In meiner Erinnerung ist er beiden Zimmern gemeinsam.)
Ich küsse Dich tausendmal, Liebster
(Ich schreibe auch, wenn ich das Paket schicke.)
Tausendmal
Deine Martha
(Errätst Du, wie diese Martha geschrieben?)
Dank für die beiden Platten! Deine
August 1915
Martha Musil an Robert Musil, 1. August 1915


Datum: 1. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostbrief
Archiv: ÖNB – 1006/8/1
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!!!
Trotz Sonntag einen Brief! Sehr froh! Wenn Du auch schon etwas bös bist und vielleicht jetzt (nach Erhalt meiner anderen Briefe) noch mehr. Hoffentlich stört Dich meine Verstimmung (das ist sehr gelinde ausgedrückt) nicht bei der Arbeit. – In den nächsten geschlossenen Brief will ich etwas einlegen, weiß aber nicht, ob Du es magst. Ich bin ganz verrückt, ganz Du und Martha.
Heute (jetzt) fahre ich mit Annina nach Igls, vielleicht kommt die Gräfin mit; gestern waren wir auf der Hungerburg.
Tausend Küsse
Deine Martha
Bitte mein Gedicht!
Martha Musil an Robert Musil, 2. August 1915


Datum: 2. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostbrief
Archiv: ÖNB – 1006/8/2
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute Brief und Karte! Du bist sehr gut zu mir, aber Du hast noch nicht den ganz bösen (oder unvernünftigen) Brief bekommen und ich habe etwas Angst. Ich bin schon wieder ganz vernünftig und werde hierbleiben, bis … – Alles, was auch mitzusprechen hat, wehrt sich.
Daß Du arbeitest, hat mich etwas beruhigt, ich habe dadurch irgendwie das Gefühl, daß wir der Arbeit wegen die Trennung ertragen und nicht einfach aus stupiden Gründen.
Ich habe immer irgendein Leiden, wenn Du nicht da bist, nicht bei mir bist; jetzt hab´ ich einen Stich am Bein, der schon zehn Tage dauert; – aber es kann nichts Böses sein, denn es ist nur ganz wenig geschwollen. Bitte mach Deinen Magen wieder gut! Baldrian ist anregend.
Morgen oder übermorgen geht das zweite Paket fort (gemeinsam), ich schreibe dazu und auch Annina. – Wir gehen heute wieder auf die Hungerburg, mit Frau Hauptmann Schad. – Wurden Dir neulich die telephonischen Grüße bestellt? Ro. sprach Major Alberti. Könntest Du nicht einmal Hauptmann Karl Schad (Hotel Kreid) einige Worte schreiben? Es ist sehr liebenswürdig von ihm, alles zu vermitteln.
Deine
Tausend Küsse
Die Marsgamaschen sind in Österreich nicht mehr zu haben (Ausfuhrverbot), ich habe andre, ganz ähnliche, gekauft und schicke auch Deine alten mit. Wenn sie Dir nicht gefallen, schick sie gleich zurück; tausche ich sie gegen andres ein und versuche, mir persönlich aus Berlin die Marsgamaschen schicken zu lassen. Ich schicke Dir auch ein Frottiertuch (nimm zum Baden beide, damit Du Dich nicht erkältest), ein Schafwolljägerhemd (ich nähe einen roten Stern ein, damit Du – und Raudaschl – erkennst, daß es Schafwolle ist) für kühlere Tage und die warmen Lederhandschuhe.
Ich küsse alles und Dich,
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 3. August 1915


Datum: 3. August 1915
Ort: Innsbruck / Palai bei Pergine
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/8/4
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Das Paket geht durch Hauptmann Schad nach Pergine.
Ich schicke Dir:
Schokolade
Marillenmarmelade, Pflaumen
Sardinen, ein pain
Malattine, Haarwasser
Schreibpapier (Kuverts und Karten waren in einer der letzten Schokoladeschachteln)
Papier …
Handschuhe
Handtuch (benutze beide zusammen)
Alte und neue Wickelgamaschen
Kerzen und Kerzenhalter für Schützengräben (hoffentlich brauchst Du ihn nur für den Tisch!)
Brief und Haare vom Mädi.
Heute noch nichts – hoffentlich nachmittags. – Frau von Pospischil schrieb mir, daß Th. in Lavarone sei; hat er dort eine leitende Stellung? Heute hörte ich, daß Sexten evakuiert sei und in Rovereto der Bahnhof beschossen wurde. Daß diese Abscheulichen doch vorgehen! – Frau Faber ist in S. Cassian, es weiß natürlich niemand davon. Ich bin in Innsbruck, das darf jeder wissen. (Natürlich bin ich etwas bös, daß Du nichts Unmögliches tun kannst.)
Ich habe gar keine Gedanken und Einfälle mehr, lebe so dahin, ohne etwas zu erleben. Abends treffe ich die Gräfin im Café, öfters auch am Tage, wir stehen wie ein altes Ehepaar zusammen, ohne Neigung, nur gewöhnt, gemeinsam die Zeitungen zu lesen. Das einzige Erlebnis in letzter Zeit war ein Mädchen, das auf einer Bank saß und kräftig die Nase putzte, ein junger (einfacher) Mann kam dazu, auf den sie offenbar gewartet hatte, sie fragte: „Wie geht´s Ihnen denn jetzt?“, und schneuzte sich dabei noch kräftiger. Er antwortete dankend und stellte dabei einen Fuß auf die Bank, und so ging das Gespräch weiter. – Auf der Bühne outriert man so oft diese Gesten der einfachen Leute (die Durieux, auch die Sorma früher), im Leben sind sie stärker und doch diskret (die Leute spielen besser zusammen).
Gräfin: „Es ist mir noch viel schwerer, wenn mein Mann so liebe Karten schreibt, heute hat er ´l. H.´ geschrieben, das heißt: ´liebes Herz´.“ (Die Gräfin hatte Läuse, von der Reise mitgebracht; jetzt ist es wieder gut, aber sie hatte unseren Bädecker während der Zeit und ich fürchte, daß ich sie dadurch bekommen könnte. – Bitte mach diese Sätze unleserlich.)
Der Stich am Bein wird jetzt besser. Annina schreibt Dir selbst. Hast Du ihre Schokolade aus Berlin bekommen? Sie kauft sie immer von ihrem eigenen Geld. – Orgler, der Schwiegersohn der patriotischen Grete, scheint sich gedrückt zu haben, Carl und Hans scheinbar bis jetzt auch. – Annina sagt, daß von der Familie meiner Mutter ein Stammbaum existiert – bis zum 16. oder 17. Jahrhundert; – welche vornehme Familie!
Liebster, tausend, tausend Küsse –
Küsse –
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 3. August 1915


Datum: 3. August 1915
Ort: Innsbruck / Palai bei Pergine
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/8/4
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Zweiter Brief. Der andre ist bei den Schokoladebonbons. Liebster! Mit allen Poren Geliebter …
Eben Hauptmann Pospischil gesehen, der nach Linz fährt, dort bleibt. (Er hat erzählt, daß er mit schuld ist, daß alle Damen, die noch dort waren, fort mußten; er hat alle aufgestöbert, war wahrscheinlich so wütend, daß seine Frau nicht kommen konnte. Er sieht ganz gut aus (ich wußte schon, daß er fortkommen würde); er meint, daß Th. wahrscheinlich – .
Deine Karte bekommen. Liebes Eselein; ich habe Esel furchtbar gern, weißt Du das? Wir sind zwei. Der kleine Robertl läuft uns immer davon. Hast Du nicht meine Briefe bekommen? Mich wundert auch, daß Du noch nicht das erste Paket (gemeinsam) erhalten hast. Dann hatten wir auch einen Brief (schon früher) durch den Cadre geschickt.
Wenn ich Dir schreibe, merke ich immer, wie viele Öffnungen es gibt: Augen, Nase, Mund. Jede Pore und hinter allem sitzt etwas sprungbereit zu Dir. Wieviel stärker das Innerliche ist als das Äußere, es ist eigentlich unheimlich, daß man so bedeckt herumläuft.
Ich bin durch die Dumaeröffnung sehr enttäuscht: gar keine Unruhen! Und ohne die wird es kaum zu Ende gehen. Dabei klingt der „August“ hoffnungsvoller, ich glaube, weil der Ton auf der zweiten Silbe liegt. Mai, Juni, Juli positiver, aber stagnierend.
Krähen sind sehr weise. – Nicht?
Deine
Deine Martha
Tausend Küsse
Annina Marcovaldi an Robert Musil, 4. August 1915


Datum: 4. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1005/34/2
–> Annina
–> Im Fersental
Lieber Papa!
Ich bin sehr froh, daß ich endlich bei Mama bin. Es ist hier sehr schön, schon weil ich bei Mama bin. So lange bei Zia Hanna zu sein ist schrecklich, ich möchte darum jetzt gar nicht zurückkehren. Ich könnte sehr gut bis Oktober hierbleiben, weil ich dann in eine andere Klasse komme. Ich möchte Dich auch so gerne wiedersehen, aber das geht leider nicht. Ich hoffe immer, daß bald Frieden sein wird und ich Dich sehen kann. Mama ärgert sich immer, daß sie nicht dageblieben ist, solange es ging. Aber Hauptmann von Pospischil, den wir gestern auf der Durchreise getroffen haben, sagte auch, daß alle Offiziersfrauen jetzt fortmüßten. Ich bin sehr froh, daß dort noch keine Kämpfe sind. Könntest Du nicht einmal nach Innsbruck kommen? Das wäre zu schön. Ich habe Dich doch so sehr lieb, ich kann Dir das nur nicht so schreiben. Bitte schreibe mir doch auch bald einmal. Während ich hier schreibe, blitzt und donnert es, überhaupt hat es fast immer geregnet. Ich finde Innsbruck sehr schön, wir haben auch schon einige Ausflüge gemacht. Bitte schreibe doch auch Mama, daß ich hierbleiben kann, wenn sie nicht zu Dir kommen kann. Denn ich finde auch, daß es mir nicht gut ist, wenn ich immer mit Zia Hanna und Zio Jacques zusammen bin; denn wenn man immer nur sie sieht, bekommt man am Ende vielleicht schlechte Sitten und das will ich nicht. Ich hatte Dir noch in Berlin etwas Schokolade geschickt, aber nach der alten Feldpostnummer, ich weiß nicht ob Du sie bekommen hast. Bitte schreibe mir wirklich bald.
Viele Küsse
Deine Dich sehr, sehr liebhabende
Annina
Martha Musil an Robert Musil, 5. August 1915

Datum: 5. August 1915
Ort: Innsbruck / Palai bei Pergine
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/8/5
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster, Liebster, Liebster!
Eben zwei Karten erhalten. Dank!!! Ich hatte Angst, daß Du noch sehr viel böser wärst. Bitte ab! (Ich)
Ich werde mich zusammennehmen. – Diesen Brief kann ich wieder geschlossen schicken, weil das Paket noch nicht fort ist. Ein (älterer) Brief liegt bei der Schokolade, ein andrer ist gestern gemeinsam mit einem der Gräfin fortgegangen (durch den Kader) – weil sie das Paket noch zurückbehalten hatte. – Hauptmann Schad hat mir bestimmt erzählt, daß täglich ein Kurier von Innsbruck nach Pergine fährt und ebenfalls täglich einer von Pergine nach Innsbruck. – Es wäre aber nicht unmöglich, daß er nur bis Trient und von Trient fährt – und Pergine-Trient extra befördert wird. – (Schad sagte mir aber: Innsbruck-Pergine und umgekehrt.) Ich habe noch bei Tiller echte Mars-Gamaschen gefunden, schicke also die anderen gar nicht. Brauchst Du nicht noch eine warme, kurze Hose? Soll ich sie bei Tiller machen lassen? Oder kannst Du eine ärarische kaufen?
Ich habe doch einen leeren Kopf, ich fühl´s ganz deutlich morgens im Bett.
Fuß auf Fuß und Knie an Knie; eng an die Beine gepreßt
hat Mädi Hunger und Durst.
Kreisendes Suchen
findet Dich nicht
Brüste bohren schmerzhaft ins Weite –
Der Leib atmet rund.
und
Leer und unmutig liegt der Kopf – von den Armen umschlungen.
So lieg ich da.
(Arme Krähe!)
Alles, was im Paket für Dich ist, ist mit Deinem Namen bezeichnet. Du mußt aufpassen, weil die Gräfin alles zusammenpackt. Für den Major ist diesmal wenig dabei. Wir können durch Schad immer Pakete schicken.
Hanna hat mir die Abrechnung geschickt, wir haben von Fischers Geld ziemlich viel übrig; ich lasse es zur Bank geben. Habe auch gestern der Bank geschrieben, weil sie gefragt hatte, ob wir jetzt die amerikanischen Papiere verkaufen wollen, es wäre günstig. Ich hab´ noch um genaue Auskünfte gebeten und denke, es wäre gut, sie gegen sichere deutsche Papiere zu verkaufen. Meinst Du nicht? – Obwohl amerikanische Papiere gut sein sollen … – Statt der Maklervereins-Aktien haben wir jetzt für 18.000 Mark fünf Prozent Kriegsanleihe. Wir haben natürlich dabei verloren, aber sind doch noch glimpflich weggekommen. – Ich habe Hanna einen Brief an Gambini vorgeschrieben, den sie durch das Schweizer Konsulat schicken wird, das Konsulat soll auch noch dazu schreiben. Ich möchte, daß wenigstens etwas von den Zinsen gezahlt wird, damit man von dem Geld das Schulgeld für Gaetano zahlt, sonst geht wieder beim Wechseln soviel verloren. Gaetano ist schon wieder in der Schule, er ist Dritter unter 86 Schülern, hat also hoffentlich Anrecht auf ermäßigtes Schulgeld. Ich habe ihm deswegen geschrieben.
Jacques war ernstlich krank, mußte ganz ruhig liegen (Herz). Jetzt ist es besser, – sie verreisen.
Annina schrieb Dir gestern; sie ist jetzt sehr hübsch, schlank und biegsam, nur wird die Brust immer tropischer; ich weiß gar nicht, was da zu tun ist, man hat das Gefühl, daß es sie stören muß, – als ob ihr etwas Fremdes angeworfen ist … Man merkt es nicht, wenn sie angezogen ist.
Mein Brief berührt Deine Karten, meine Schrift Deine. Alles erregt mich so. Es ist Genuß, aber nicht Erleichterung, ist etwa, als ob man die Hand in heißen Strandsand einwühlt.
Geliebter. Liebster. Mein?!
Tausend Küsse
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 7. August 1915


Datum: 7. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/8/6
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster …
Das Paket und zwei Briefe sind vielleicht schon dort (gestern abgeschickt); – Ich bekam heute Deine Karte vom 5., würde lieber mit Dir den blauen Himmel über die Ohren ziehen und träumen. Diese Sehn=sucht! … (Du kennst nicht viel davon. Darum bin ich oft böse.): Kinofigurdasein, das Leben wird so abgeschnurrt, man gebärdet sich automatisch verzerrt, und alles weil er. Der. Geliebte. Allein in Wiesen träumt. –
Denk bloß daran, wie lang es noch dauern kann! Ein Jahr, zwei Jahre. – Man hofft, daß es schnell geht, aber niemand kann es wissen. Und wir müssen getrennt sein.
Fischer gibt jetzt etwas Neues heraus. Eine Zeitschrift? Ich weiß nicht genau. In einer Zeitung war ein (sehr schlechter) Aufsatz von Holitscher veröffentlicht, aus „Zeitgemäße Betrachtungen“ (oder so ähnlich), Bilder aus Frankreich, Polen und Südösterreich. Samuel Fischer. – Eigentlich wollte ich es Dir nicht schreiben, weil Du Dich vielleicht ärgerst, dann dachte ich, daß es Dich doch interessieren könnte.
Ich werde jetzt meine Sehnsucht nicht mehr so fortwerfen. Alter, böser Mensch! – Ich habe nur Deine Schrift hier, das einzige Wirkliche von Dir und sie riecht ein bißchen wie Du. Aber das ist zuwenig.
(Hörte heute von einer Dame, die sich Erlaubnis verschafft, nach Ivang. zu gehen! Hofratssöhnchen!) – Gestern kam ein Brief an Deinen Onkel Rudolph von Musil aus Meran in diese Pension nachgeschickt. Es wäre sonderbar, wenn er herkäme. – (Ich schreibe mit offenen Haaren, weil ich Kopfweh habe, und, damit Du es merkst, wische ich ein wenig damit über das Papier – möchte lieber …
Annina beurteilt alle Menschen danach, ob sie kalt oder warm aussehen. Z. B.: „Der Prof. Helly sieht so kalt aus.“ Oder: „Es muß nicht angenehm sein, die Frau des Hauptmann Becher zu sein, er sieht aus, als ob er nicht warm sein kann.“ – (Ich sage ihr nicht, daß mir das auffällt, sonst wird sie verschüchtert und sagt nichts mehr. Aber ich glaube, daß das ihr eigenes Urteil ist;) Während sie von Berlin, von einem 17jährigen Bruder einer Bekannten, mit dem sie oft zusammenkommt, erzählt: „Es ist ganz nett mit einem Jungen auf Neckfuß zu stehen.“ (Das klingt berlinerisch, wie in der Schule, oder von Anna gehört;) Es tut ihr leid, daß sie Gaetano nicht sehen kann, sie sagt, vor ein paar Jahren hatte er ihr gesagt, er würde nur sie heiraten, wenn es ginge, aber sie dachte sich gleich, daß sie es nicht möchte. – Ich werde ein wenig aufpassen, wie sie spricht, und es notieren.
Tausend Küsse, tausendfach
Deine Martha
Bleib gesund!!! Ich schreibe Dir die Telephonnummer, man weiß nicht, ob Du sie nicht brauchen kannst: Oberhuber. 1087 Römisch IV.
Martha Musil an Robert Musil, 8. August 1915


Datum: 8. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostbrief
Archiv: ÖNB – 1006/8/7
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute keine Nachricht. Hoffentlich nur wegen Sonntag, ich bin beunruhigt, weil Du zuletzt schriebst, daß Du hinaufgehst. – Langweiliger Sonntag; schönes Wetter, aber wir sind nicht hinausgefahren, weil Annina sich ruhighalten muß. Gestern ist Frau Faber zurückgekommen, ganz ohne Schwierigkeiten, sie war fünf Wochen dort, auch deutsche Damen dort in der Gegend, aber jetzt sind alle, die nicht eigene Wohnung haben, fort. – Wir haben durch Deinen Widerstand zweieinhalb Monate verloren, die ich ruhig hätte dortbleiben können. Jetzt wird es sehr schwer sein, durchzukommen. (Ich nenne das: „böswilliges Verlassen“.) Die zwei Beine scheinen sehr gern allein herumzustreifen und der kleine Mund ißt Schokoladebonbons lieber allein – der große wird daran denken.
Du wirst aller Rechte verlustig gehen –
Verschlossen wird ein Mädi stehen.
Tausendfach
Deine Martha
Ich habe Dir den Simplizissimus geschickt. In einer Schokoladeschachtel eines der letzten Pakete lagen zu unterst Karten und Kuverts.
Martha Musil an Robert Musil, 9. August 1915


Datum: 9. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/8/8
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute vormittag Deine Karte, die eigentlich gestern hätte ankommen sollen. Bin sehr froh und habe die leise Hoffnung (= Ohrenspitzen), daß ich jetzt nachmittags noch etwas finde.
Heute früh ist mir eingefallen: Liebe für die Entfernte (sich mit Trennung begnügende) ist Eigen-liebe: Man liebt sein eigenes Denken und Träumen. Der eigene Körper ist ich und Du, man selbst ist stark. (Der) Die Entfernte blaß, schwach, klein. (Ich halte Dich in den Armen und schaukle Dich hin und her.) Daher die leise Fremdheit beim Wiedersehen. Aber nur ganz innen ein wenig; (und innen auch nicht;)
Tausend Küsse
Deine Martha
Paket und zwei Briefe? Gemeinsamen Brief erhalten? – Gestern sehr Günstiges über die Lage gehört. Hoffentlich! Ist´s wahr! Und wir können dort zusammen friedlich einschneien.
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 10. August 1915


Datum: 10. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/8/9
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Ich bin froh, daß ich „Karten“ bekomme, aber auch das große Briefpapier möchte ich einmal haben, wenn Regine Dir Zeit gibt. – Wie heißt denn der Offizier? Vielleicht kenne ich ihn. Waren es acht Mann, durch eine Patrouille gefangen? Ich hörte von diesen, durch die Eltern eines Radio-Kadettaspiranten, der jetzt mit Oberleutnant Feith zusammen ist und vor einigen Wochen einmal mit Euch im Pfarrhaus gespeist hat. Die Eltern waren mir ganz sympathisch, gebildet; werden unsympathisch durch sichere, überlegene Ansichten über neue Kunst; der Herr ist Arzt in Wien.
Heute ist der Geburtstag Deines Vaters … Ich erfuhr es aus einem Brief, dachte, es wäre später; Du mußt noch nachträglich Glück wünschen. – Gustl wird wieder im Atelier Weißgerberstraße wohnen; – Ich würde ganz gern auch wieder hin, aber bei uns gibt es nie ein Zurück – immer weiter. – Ich bekam heute einen Brief von Blei, schicke ihn Dir später; er glaubt, einberufen zu werden. Ich soll mir das Brennerjahrbuch 1915 kaufen und Dir dann schicken. – Er hat eine kleine Schrift geschrieben: „Über Wedekind, Sternheim und das Theater“, die jetzt bei Wolff erscheint. Da sind „Die Schwärmer“ genannt, aber sie sollten da sein (sagt er), Barnowsky will damit eröffnen.
Tausend Küsse
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 11. August 1915


Datum: 11. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/8/10
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Hättest Du öfters die Vorstellung von dem Unsinnigen der Trennung (nicht nur von den Vorteilen) – wären wir nicht getrennt. – Habe Deine Karte vom 9. Also morgen nichts? Bin traurig und ängstlich. Warum über Nacht fortbleiben? Warum überhaupt so oft fortgehen? – Nur nach südlicher Richtung führst Du aus, was wir besprochen hatten.
Was hilft das, wenn ich Dir immer tausend Küsse schicke?
Deine Martha
Jacques geht wahrscheinlich in ein Sanatorium in Kissingen. – Hanna schreibt, daß der Schweizer Konsul nur die Interessen der Italiener in Deutschland wahrt; nicht die der Deutschen in Italien; das kommt mir ganz unbegreiflich vor; aber es wurde Hanna zweimal gesagt. Jetzt hast Du sicher schon das Paket und die Briefe. Ich bin ganz traurig. Tausend Küsse
Martha Musil an Robert Musil, 12. August 1915

Datum: 12. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/8/11
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute ging ich auf die Post, trotzdem Du geschrieben hattest, daß ich keine Nachricht bekommen werde – und fand Deinen Brief! (Heiß und lachend durch die Straßen gegangen.) Sei nicht traurig, Liebster, und hab nicht Kopfweh! Vielleicht geht´s doch noch schnell. Nachher? Ich kann mir schwer etwas denken. Landwirt ist zu verantwortungsvoll, besser Landbriefträger oder im Freien Messungen machen oder Ackerbauer (Du hast damals den Wall um unsere Strandburg so gut aufgeworfen). Landbriefträger ist am besten, da könnte ich immer mitgehen.
Ich war gestern mit Annina und Frau Schad im Bauerntheater (Exelbühne), es sollte sehr komisch sein, war aber langweilig (schmerzlich), so outriert. Nie kommt man aus den Zerrbildern heraus, nur bei Dir hab´ ich Ruhe – und manchmal allein.
Deine Briefe machen mich glücklich.
Meine Briefe müssen sehr unregelmäßig ankommen, ich merk´s aus Deinen Antworten. Und das Paket ist noch nicht da, Schad sagte, es würde in einem Tag dort sein. – Alberti weiß von dem Kurier; aber ich glaube, es ist kein Offizier.
Tausend Küsse
Tausend, Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 13. August 1915

Datum: 13. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/8/12
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Deine letzte Karte kam in einem Tag.
Liebster!
Ich bin zu Dir nicht bösartig. Fühle mich vom Schicksal fortgeschoben und kann es nicht überwinden. Du mußt nicht böse sein, es ist so schwer für mich. Hab mich lieb! – Liebes Eselein, ich bin sehr froh, daß Du die Reginenszene gemacht hast, das ist herrlich; ich möchte sie hören. Aber daß Du so oft Kopfweh hast, das darf nicht sein. Vielleicht Erkältung des Kopfes, irgendwie beim Waschen? Oder vom Magen aus? Oder zu vieles Rauchen? Überleg doch, woher es kommen kann, und hilf Dir! (Selbst wenn Du einige Zigaretten entbehren müßtest!) Lieber, kleiner Robi: Ich habe Dir doch auch andre Briefe geschrieben; die hast Du gewiß nicht bekommen (hatte Bubi etwas geschickt). Tausend Küsse. Du mußt mich auch küssen.
Deine Martha
Hier ist es trostlos, immer das gleiche. Jetzt scheint wieder viel von den Balkanstaaten abzuhängen, trotzdem man wenig darüber liest. Der Vormarsch in Polen läßt hoffen, daß die Russen bald genug haben werden. Vielen Dank für das Geld, ich war ganz erstaunt, hatte diesen Monat gar nichts erwartet. Habe heute sehr schlecht geschlafen, immer aufgewacht; – hoffentlich bist Du wohl! Ich küsse Dich.
Deine Martha
Annina Marcovaldi an Robert Musil, 13. August 1915


Datum: 13. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/8/12
–> Annina
–> Im Fersental
Lieber Papa!
Ich hoffe auch jeden Tag, daß einmal ein Brief für mich da sein wird; bitte schreibe mir doch. Ich denke auch, daß Du vielleicht unvermutet einmal kommst, das wäre wunderbar. Mama hat gesagt, ich könnte bis 1. September hierbleiben, aber vielleicht ginge es doch noch länger. Hoffentlich ist der Krieg bald aus, damit Du wieder bei uns bist. Es wäre sehr schön, wenn wir später ein kleines Haus und Garten hätten. Oktober komme ich auf das Gymnasium; Du meinst doch noch, daß ich hingehen soll? Es ist nicht schön, noch sechs Jahre zu lernen und dann noch vier Jahre zu studieren, aber ich weiß nicht, was ich sonst werden könnte. Ich lerne nicht so sehr gern, aber auch nicht gerade ungern, und es fällt mir ziemlich leicht. Bitte schreibe mir, was ich tun soll. Heute haben wir einen ziemlich großen Spaziergang gemacht, das ist sehr schön, nur regnet es hier immer. Mama ängstigt sich, wenn Du auf Stellungen gehst, um zu rekognoszieren. Du mußt nicht unvorsichtig sein.
Ich hoffe sehr, daß ich Dich doch bald sehen kann.
Viele Küsse
Deine Annina
Martha Musil an Robert Musil, 14. August 1915


Datum: 14. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/8/13
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster! Heute habe ich sehr wenig Hoffnung, Nachricht von Dir zu bekommen, weil ich gestern zwei Karten hatte. Hoffentlich fühlst Du dich wieder wohl und bist gut!
Tausend Küsse …
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 15. August 1915


Datum: 15. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/8/15
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster Liebster!
Heute wieder nichts, wahrscheinlich ist der Sonntag daran schuld. Ich bin sehr müde und zusammengeschrumpft. Hoffnung?! – Es werden schon so viele Vorbereitungen für den Winter gemacht – bei Euch gewiß auch. Ich weiß nicht, was für Vorbereitungen ich machen soll; jetzt darf ich Dir nicht einmal mehr schreiben, daß ich traurig bin, sonst bist Du böse. – Bleib nur gesund!!! Liebster!!! Es sind doch Krankheiten in der Gegend und du bist gegen beides nicht geimpft. Willst Du es nicht noch tun? Die Cholera-Impfung soll ganz schmerzlos sein. Ich möchte Dir Malagatrauben schicken (wie die Gräfin geschickt hat), aber ich weiß nicht, ob sie Dir gut sind. Bitte schreib, was Du haben möchtest, ich kann jederzeit durch Schad ein Paket schicken. Leider dauert es so lange, bis Du es bekommst. – Wir werden heute nachmittag einen Ausflug machen, die Luft ist sehr gut, kein Föhn …
Tausend Küsse
Deine Martha
Daß Du arbeitest, ist herrlich …
Die Tropfen sind von Regine.
Martha Musil an Robert Musil, 16. August 1915


Datum: 16. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/8/14
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster Liebster!
Jetzt bist Du ganz hart und bös zu mir. Bitte! Nicht! Anstatt zu zwitschern, fällt alles mit dem Gesicht breit auf die Erde, wenn Du mir so schreibst. Liebster Liebster – Bitte sei gut! Ich werde das, was jetzt nicht möglich ist, beiseite schieben und nicht mehr davon sprechen, und werde glauben, daß Du es auch anders wünschst. (Dabei scheint es mir doch, daß ich für ganz kurze Zeit die Erlaubnis bekommen würde, vielleicht mache ich Ende des Monats den Versuch bei zunehmendem Mond!)
Ich werde Annina nur diesen Monat hierbehalten. Sie ist sehr nett, aber, da sie hier ganz auf mich angewiesen ist, ist es dann genug, und sie kann wieder zur Schule gehen; – Wenn Hanna noch nicht zurück ist, könnte sie solange bei Prof. Caspers wohnen, die sie eingeladen haben. Gestern auf dem Ausflug war sie sehr nett; immer allein voraus, dann saß sie plötzlich auf der Erde, wartend. Sie sagt: „Überall ist die Welt so schön – jeder Baum – es ist fast zu viel für die Augen, alles zu sehen.“ Es ist sonderbar, wie in jedem Kopf die gleichen Gedanken sind, und dann kommt einer, der sie formt. (Nicht appetitlos sein, nicht Vorwürfe machen.) Du.
Ich habe jetzt oft Lust zu malen, aber ich mißtraue mir, wie oft war es schon so – und blieb dabei. Und ich möchte doch nicht einfach aus Verzweiflung malen. Die Bibliothek ist jetzt nur zweimal wöchentlich geöffnet; ich will sehen, die Bücher mit nach Hause zu nehmen; ich bin auch in der Leihbibliothek abonniert; aber da ist nicht viel. Morgen und übermorgen werde ich wenig fortgehen. Heute vielleicht noch einen größeren Weg machen. Das Bein ist wieder gut; der Finger noch immer nicht ganz; ich trage jetzt zur Schonung einen Fingerling, weil er noch etwas geschwollen ist: – daher schreibe ich auch noch immer schlecht. – Gestern war die Luftstimmung sehr schön; nach Regen lag die Sonne wie in einer Wasserspiegelung auf den Bergen. (Fata Morgana, sagte Frau Schad.)
Ich küsse Dich tausendmal
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 16. August 1915

Datum: 16. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/8/16
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Abends
Liebster!
Ich bin ganz bestürzt, die Gräfin sagt mir, daß das Paket schon dort ist; und Du hast mir trotzdem diese Karte geschrieben; also haben Dir auch die Briefe, die damit ankamen, so mißfallen. Ich bin ganz verstört darüber, erwarte Deinen Brief. Es kann doch gar nicht sein, daß Du mich so mißverstehst. Ich weiß nicht mehr genau, was in den Briefen steht, aber ich weiß, was ich für Dich beim Schreiben fühlte, und wenn sie schlecht sind, zu sehr von einem Gefühl handeln, mußt Du mir das doch verzeihen. Ich dachte immer, alles wird gut, wenn nur endlich das Paket und der andre gemeinsame Brief da sind, und jetzt schreibst Du mir ganz kalt und nachlässig, wahrscheinlich in der Kanzlei: ganz appetitlos, geistig, das machen Deine Briefe; Gruß R. – Lieber, lieber Robert, bitte laß das alles vorüber sein! – Hab mich lieb und bleib gesund und sei wieder froh! – Ich will nur noch an Dich denken und gar nicht an mich. Liebem Eselein die Ohren streicheln. Willst Du mir nicht das Gedicht schicken? Wenn es auch unfertig ist, ich habe solche Sehnsucht, Dich zu hören, eigentlich meine ich die Reginenszene, aber das geht natürlich nicht.
Manchmal habe ich das Gefühl, ich müßte ganz allein irgendwo sein, etwa in Steinach, aber ausgeführt taugt es doch nicht – oder mich irgendwie in Arbeit und Leben stürzen; aber immer widerstrebt mir, Arbeit (Malen) als Betäubungsmittel zu brauchen. – Oder ist es Faulheit? – Vielleicht werde ich wieder aus der Pension fortziehen; ich schreibe es Dir dann vorher. – Ich hoffe wieder ein wenig auf den Brief, und ich küsse die böse Karte, damit sie mich anders ansieht.
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 17. August 1915


Datum: 17. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/9/1
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster Geliebter!
Ich habe gestern nacht so viel geweint, daß heute noch aus purer Gewohnheit die Augen weinen, dachte: Du wolltest mich über Bord werfen (nach Deiner Karte). Heute Dein Brief vom 15. und Karte vom 16. und ich mache, trotz der Tränen, die langsam herauskullern, schon wieder innerliche Sprünge wie ein Karussellpferdchen. – Ich muß mich doch aber noch verteidigen: Ich habe nicht gemeint, daß ich nicht allein sein kann, Du mußt doch verstehen, daß nur der Krieg so bedrückt: Angst, Ungewißheit, nicht hinkommen können, oft auch Angst, daß ich eine Krankheit bekommen kann und es dadurch nie wieder so sein könnte wie früher.
(- Ich bin etwas beunruhigt, weil das Unwohlsein auch diesmal ganz anders ist als sonst; ich werde doch einmal zum Arzt gehen; fühle aber gar keinen Schmerz, nur allgemeines Unbehagen, wie oft, eine Art Migräne.) Aber Du hast recht, man darf gar nicht so etwas denken, sonst kann man es nicht aushalten. Nur hoffen … Eselein hat immer recht, Krähe kann nur hacken. (- Goethe hat seinem Sohn nicht erlaubt, in den Krieg zu gehen. -)
Ich werde die Bücher lesen, die Du schreibst. – Du sagst doch immer, daß Maler und bildende Künstler dumm sind, daher vielleicht das In-der-Nähe-Stehen nach einigen tausend Jahren. Übrigens (mit allem schuldigen Respekt) ist Kunst in allen Formen in jeder Zeit verwandt. Alte, überlieferte Gesänge, wahrscheinlich auch Musik; nur ist es bei Plastik und Zeichnung gewisser, weil sie leibhaftig da sind. Nur die Wissenschaft rollt immer vorwärts und macht einem das Leben schwerer, weil man sich doch schrecklich ärgern muß, daß man nicht einige hundert Jahre später lebt. (Wenn man dann irgendwo im Mond oder einem Stern selig schwebt, kommt gewiß ein Luftschiffer oder ein Scheinwerfer und entdeckt einen.)
Ich habe der Bank schon wegen der amerikanischen Papiere geschrieben, sie werden ganz günstig verkauft und deutsche dafür genommen. Vergiß nicht, Dir feste und bequeme Schuhe machen zu lassen und schreib, ob ich Dir schon Wintersachen schicken soll. Wenn auch Hanna verreist ist, weiß Anna gewiß Bescheid. Aber es hat wohl bis Anfang September Zeit. – Es geht Jacques wieder besser …
L…e: waren bei G. nicht in unteren Regionen.
Liebster, ich bin furchtbar stolz, daß Du arbeitest. Nur darfst Du nicht Kopfweh haben! Vielleicht ist schlechtes Licht daran schuld, oder Du bist zu leicht angezogen und erkältest Dich? Ich werde Dir eine leichte Seidenmütze, im Zimmer aufzusetzen, schicken. Gleich heute.
Tausend und viel mehr Küsse.
Deine Martha
Im Paket waren zwei Briefe.
Martha Musil an Robert Musil, 18. August 1915


Datum: 18. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/9/3
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Graues Wetter. Kopfweh. Keine Nachricht. Und doch bei allem ein leises Glücksgefühl, nie losgelöst von mir sein. – Heute Kaiserfeier, jeder bekam ein Glas Rot-, ein Glas Weißwein gespendet, der alte Oberst hielt eine feierliche Rede. Er sieht sehr amüsant aus, wie Gaetano in alt, auch ähnliche, noch verstärkte Bewegungen. – Ich friere schon in meinem Zimmer (Nordseite), denke daran auszuziehen. – Die Eltern aus Aussee machen Andeutungen von einem Besuch; – dem ich mich nicht gern aussetzen möchte. D. h. sie erwarten eine Aufforderung; ich muß ihnen sehr vorsichtig und höflich schreiben; (Ich brauche nur daran zu denken, wie erfreut sie über den Dankl-Erlaß sein werden.) Oder möchtest Du, daß ich sehr nett bin? Dann tu´ ich´s.
Liebster, ich sehe heute wie ein dicker, häßlicher Pavian aus, aber über mir ist die Krähe, die mit den Flügeln das Eselein sucht.
Tausend Küsse
Deine
Eben Deine Karte von der Post geholt. Nie wieder nur vier Zeilen! Ich schreibe heute noch einmal.
Martha Musil an Robert Musil, 18. August 1915


Datum: 18. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/9/2
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Ich bin wie in ein Futteral in meine Migräne eingezwängt, kann nur herausblinzeln. Zu Dir. – Hatte gar nicht erwartet, Deine Karte noch zu finden: Ich sah sie dann schon von weitem. (Das dumme Fräulein sagte: „Nichts.“ Auch gestern ebenso.) Deine Karte von gestern kam in einem Tag, auch die vorgestrige, und auch früher schon manchmal. Es ist so viel wert, die Nachrichten von nur einem Tag vorher zu bekommen, daß Ihr Euch dafür interessieren solltet, da es doch möglich ist. Ich denke mir, daß der Postbote, der mittags von oben fortgeht, grade noch den Zug in Pergine erreichen kann, ihn aber selten erreicht. Vielleicht ginge es, ihn etwas früher fortzuschicken, damit der Anschluß sicherer ist? Meine Briefe gehen wohl immer viel länger? Dabei werfe ich sie in die Bahnpost, damit sie schneller fortgehen. – Bitte schreib, ob der gemeinsame Brief nicht angekommen ist; er war zwei Tage vor dem Paket fortgegangen. – Die Mütze, die ich gestern schickte, ist Dir vielleicht zu weit. Dann laß eine kleine Falte einnähen, aber so, daß Du sie im Nacken trotzdem hinunterklappen kannst. Sie ist fürs Zimmer berechnet (Kopfwehmittel).
Beim Schreiben stütze ich meinen Brief immer ein wenig auf Deinen und lehne meine Backe oft auf Deine Schrift (dabei wird dann manchmal meine verwischt), sie ist mir etwas Körperliches von Dir. Auch mein Bett ist es manchmal, gewöhnlich liege ich auf dem Rücken, aber manchmal gewendet, ist es, als ob ich Dich berühre. Meine Brust ist jetzt auch viel stärker geworden, aber vielleicht nur in diesen Tagen. Anninas im Liegen sehr schön, sah es neulich, noch ganz kindliche Andeutung, aber wenn man davon spricht, geht ein Gekräusel darüber und wird farbiges Gerunzel. Ich spüre auch so stark das Leben darin: Sehn-sucht. (Die Du mir nicht gelten lassen willst!) … Tausendmal Geliebter.
Herrliche Nachrichten in der Abendzeitung! Hoffen!
Schad ist optimistisch, es ist angenehm, ihn zu sprechen, man wird ganz vergnügt. Wir sehen ihn manchmal abends im Café. Er hat bis zehn oder länger zu arbeiten. Meist bin ich mit der Gräfin allein, manchmal noch Frau Schad und manchmal er, Schad. (Du brauchst ihm natürlich nicht zu schreiben.)
Pichler habe ich nicht wiedergesehen, weil wir jetzt in ein anderes Café gehen; aber nächster Tage will ich ihn einmal sprechen.
Ich küsse meinen(?) Robertl.
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 19. August 1915


Datum: 19. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/9/4
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Die Migräne ist vorbei, hat aber einen Katzenjammer hinterlassen. Bin traurig … ohne Nachricht. – Hoffentlich morgen!!! Die guten Nachrichten aus Rußland lassen immer noch hoffen (!) und dazu eine neue Prophezeiung, daß nächsten Monat der Krieg beendet ist. – Ich hörte heute im Café einer Unterhaltung einer Feldschwester und eines Offiziers zu. Sie setzt große Hoffnungen auf die Entwicklung des Kinos. Glaubt bestimmt, daß ein Shakespeare für das Kino kommen muß; wenn man es sich auch jetzt noch nicht vorstellen kann; vor 50 Jahren wußte man auch noch nichts von Zeppelin u.s.w. – Heute bei Tisch eine Unterhaltung von offenbar guten Klavierspielern über verschiedene Stücke. Der Genuß, den die musikalischen Menschen empfinden, ist eigentümlich (ich möchte darüber nachdenken, aber es kommt nichts dabei heraus); es muß eine sinnliche Hingabe sein, etwas ganz vom anderen Eingesogenes, Aufgefressenes; so ähnlich habe ich mich neulich einmal beim Geräusch des Regens empfunden (aber Dich dabei), nur war ich dabei passiv, während die Spieler aktiv sind, aber nur anscheinend, wie Hypnotisierte. – Keinen Brief, kein Brief von Robertl! Ich ziehe Dich an den Ohren!
In Berlin soll große Freude wegen Kowno sein, Glockenläuten und Victoriaschüsse (60). Das war noch nie.
600.000.000 Küsse.
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 20. August 1915




Datum: 20. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/9/5
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Nun bin ich schon zu verprügelt, um noch zu kratzen. Dein Brief vom 19. Der Ritt! Ich freue mich, daß Du es erlebt hast, aber ich bin schrecklich ängstlich. Angstangst. Dies Nichts-voneinander-wissen! … Irgend etwas verhöhnt einen immer, weiß alles besser, und nachher merkt man´s erst. Man denkt: „18. August. Kaiserfeier … heute sicher auch dort gefeiert“, und ruht darin aus. Statt dessen … Hoffentlich geht alles gut. (Gott schütze Dich. Geliebter. Ich kann gar nichts. Nicht einmal von weitem Deiner Verdauung helfen. In der Nähe könnte ich es schon.) Aber sprich mit Fräulein Martha wegen der Eierspeisen, auch Nudeln, Makkaroni, Reis, Schinkenflecken, Mehlknödel wären zum Abend ratsam, Erdäpfelnudeln. – Iß nicht nur Fleisch. – Jetzt gibt es schon besseres Mehl, da kannst Du dies eher essen. – Lieber keine Pilze essen! Sind immer schwer und es kommen oft Vergiftungen vor. – Ich möchte Dir noch eine Reservelaterne schicken. Meinst Du nicht? Vielleicht eine, die noch stärker leuchtet (für dickere Kerzen), aber auch aus Marienglas??? Kannst Du nicht … als Kerzenhalter brauchen?
Die größere Beweglichkeit der Italiener läßt nicht recht zu, daß man sich so über die Siege im Osten freut. (Aber es ist herrlich, daß es jetzt dort so schnell geht, das muß doch helfen.) Ich höre durch meine Tischnachbarn von Euren vorgeschobenen Stellungen (Radio), es soll ja schweres Artilleriefeuer gewesen sein. Könnt Ihr denn die Italiener nicht zum Schweigen bringen! Sie sollten doch Angst haben und ruhig sein – und um Frieden bitten. (Das ist meine geheime Hoffnung, wenn es überall gutgeht.) Die Hauptsache ist, daß es Dir gutgeht. Bitte bitte: Vorsicht – auch für den Magen und Darm. – Ich küsse ihn.
Die Ansprache muß wundervoll gewesen sein (auch der Oberst hier hat ganz ähnlich gesprochen, aber etwas weicher gestimmt: „Unser alter Kaiser, der soviel erlitten …“).
Ich hab´ gleich gelacht, als ich las, daß Du mich bei den Haaren am Hals streicheln willst, Liebster. Manchmal, wenn ich morgens aufwache, denke ich, daß Du bei mir bist. Oder ich höre draußen Schritte und vergesse ganz, daß Du es nicht bist.
Nicht die Reginenszene für mich abschreiben! Du hast schon viel zu viel zu schreiben. Ich umschließe Dich und Deine Arbeiten mit meinen Armen. – Denke manchmal: Du kannst jetzt arbeiten, weil Du allein bist. Und denke manchmal: Du kannst jetzt arbeiten, weil Du mußt, weil es gereift ist; ob Du allein bist oder nicht, unter welchen Bedingungen immer. (Grundbedingung: zwei Zimmer, vielleicht sogar zwei Schlafzimmer, weil Dir die Minuten des Einschlafens und des Aufstehens wichtig sind. Wir können ja auch die Türen absperren. – Nein. -)
Ich habe wieder keine Lust, den Arzt zu fragen, weil es mir ganz gutgeht. Muß sowieso wieder zum Zahnarzt, der vorige hat die Plombe so schlecht gemacht, daß sie schon jetzt halb herausgefallen ist. Mir ist jetzt ein guter empfohlen worden. – Hoffentlich können wir bald zu Hahl gehen! Brauchst Du nicht eine neue Zahnbürste?
Ich glaube nicht, daß ich Annina länger als diesen Monat hierbehalten werde, es tut mir leid sie fortzuschicken, aber sie hat hier gar nichts zu tun und der Aufenthalt kostet viel. – Sie kommt wahrscheinlich im Oktober ins Gymnasium, es ist jedenfalls gut, wenn sie Latein lernt, aber ich weiß nicht, ob wir sie studieren lassen sollen, sie lernt sehr leicht, aber hat keine besondere Lust dazu. Man kann es später überlegen.
Tausend Küsse, Liebster
Deine Martha
Soll ich Ende des Monats versuchen, für einige Tage die Erlaubnis zu bekommen? Oder nicht?
Oscar Gambini an Hanna Casper, 20. August 1915


Datum: 20. August 1915
Ort: Rom | Haag | Berlin /
Haag | Berlin | Bozen
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1005/7/2
–> Martha Musil
–> Hanna Caspar
Der Brief wurde über A. Spoel in Haag (NL) an J Casper geschickt. Diese leitete den Brief an Martha Musil weiter und schrieb einen Begleitbrief direkt auf Gambinis Brief. Ebenso befinden sich einige Zeilen von einer Freundin Caspars an Hanna Casper auf diesem Dokument, die den Brief an Caspers in deren Urlaubsort Bad Kissingen nachsandte.
a pregma 8 corr., ricevuta ora.
Purtroppo sono disarmato contro i Marcovaldi, poiché è inibita da parte di qualsiasi cittadino austriaco qualunque azione in Italia fino a 60 giorni dopo la pace.
Nun dubiti che intanto vigilo perché ninni danno ne derivi al suo diritto d’ipoteca. Le communico, poi, che con sentenza di ieri di questo Reale Tribunale Enrico Marcovaldi è stato condannato a mesi 18 di reclusione per falso in cambiale.
Ossequi cordiali a Lei e suo marito
Oscar Gambini
Martha Musil an Robert Musil, 21. August 1915


Datum: 21. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/9/7
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Ich habe Dir zwei Muster (Cakes, Zwieback und Bonbons) gesandt, sie werden schneller kommen als die Karte … Tausend Dank für Deine Karte. Ich bin jetzt sehr unruhig wegen der schweren Beschießung. – Wenn sie nur ebenso erwidert wird! Ich habe gehört, daß alles dort oben gegen Cholera geimpft wird; laß Dich doch lieber auch impfen: es soll nur ein lokaler Schmerz im Arm sein.
Wenn ich schlafe, reitest Du: Ich werde gar nicht mehr schlafen. Heute (am Tag) bin ich furchtbar müde, habe auch ein geschwollenes Auge; ich möchte dabeisein, wenn es gefährlich wird, nicht hier sitzen. Warum sind denn bei Stanco keine schweren Geschütze? Das ist doch unverantwortlich. Wenn sie in der Gegend weiter vordringen, kann auch die Post nicht mehr regelmäßig verkehren. Robert, Liebster – ich kann gar nicht daran denken, daß es noch schlimmer wird.
Tausend Küsse von Deiner
Deiner Martha
Martha Musil an Robert Musil, 21./22. August 1915


Datum: 21./22. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/9/6
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Nachts, allein
Liebster!
Es gehörte viel größerer Mut dazu, zu mir, als von mir zu gehen – ich bin ganz unglücklich … und hab´ solche Angst und bin so unruhig. Das einzige, was mich wieder beruhigt hat, ist, daß immer Gutes für Dich prophezeit wird. Annina kann auch Karten legen und Du bekommst sehr viel Geld, mit einer Veränderung. Vernunft gibt es ja jetzt nicht mehr, da muß man unvernünftig sein. (Nicht Logik: Gottvertrauen.) – Es ist schon spät, mein Bett ist da, aber ich mag nicht hineingehen, weiß nicht, wo Du bist. Wenn ich sicher wüßte, daß Du in Deinem Zimmer in Deinem Bett wärst, könnte ich hinfinden und Dich streicheln und küssen, aber vielleicht bist Du in der Kanzlei, oder am Telephon, oder hast irgendetwas mit dieser Maschinerie Zusammenhängendes zu tun und ich finde Dich nicht. – Landbriefträger, Straßenkehrer, Schneeschaufler – wär´s nur erst soweit: ich helfe. Oder Bettler in Spanien, erinnerst Du Dich, wie elegant die sind? In der Sonne stehend? – Das ist auch gesund und es müßte herrlich sein, nach dem ewigen Grau wieder Buntes zu sehen. Hast Du Lust, mit mir zu reisen? In ganz bunten Glanz hinein? Ich würde mich auch mit Italien begnügen. Ich möchte auch einmal mit Dir nach Brügge fahren und nach Rothenburg und nach San Geminiano. Vielleicht in einer solchen alten, verschlafenen Stadt längere Zeit sein. Man muß dort sehr stark seinen Körper fühlen, sich aus dem Hintergrund herausheben. (Wie die menschliche Stimme in älteren Opern). Und sehr vorsichtig und graziös sein, um nicht herauszufallen.
Ich hab´ solche Angst zu Bett zu gehen, meine Hände sehen ganz bösartig aus, hinter mir ist dunkel. Was bin ich denn? – Ich – schreibe Dir und hier sitzt ein fremder Kobold mit einem geschwollenen Auge. Den ich nur fühle. Nur die Hände sehe ich.
Martha
22. vormittags
Liebster, ich schicke den Brief fort, gehe jetzt zur Post. Hoffentlich finde ich etwas. Sonst heute gar nichts. (Sonntag.) Ich habe noch ganz gut geschlafen, aber muß Dir noch meine Ideen über die Angstzustände schreiben. Ganz verschwollenes Auge. Zu dumm. Gerstenkorn? Oder vom Zahn?
Tausend Küsse
Deine Martha
Ich schicke Dir heute die Zeitung, weil mir eingefallen ist, daß sie sonntags nicht von der Redaktion verschickt wird.
Martha Musil an Robert Musil, 22. August 1915


Datum: 21./22. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/9/8
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Geliebter Liebster!
Täglich auf der Post fürchte ich, nichts zu finden, und täglich finde ich, vom Tag vorher. Das ist herrlich. Vom Mund aus nach innen hinein freut es sich, wenn ich Deine Schrift sehe, oder nein: das Glück springt überallhin: Mund, Augen, Herz, -mädi. – Ich habe ein schlimmes Auge, darum schmiere ich so. Aber es ist gar nichts. War beim Arzt. Lidrandentzündung ziemlich stark, die ganze Seite mitgeschwollen, Tropfen, Salbe, Umschläge. Nichts von Bedeutung, ich will nur das Auge nicht anstrengen, weil es immer tränt. (Aber ich weine nicht.)
Gestern das Gedicht. Du erlaubst nicht, daß ich etwas sage. Aber erlaube es! Es ist unausdrückbar schön, es umfaßt und trägt hinauf in ganz Einsames, trägt mich mit. Dank´ Dir tausendfach. Dank´ Dir für alles. Geliebter … Ich wollte Dir soviel sagen, denke immer an Dich, abends im Bett, morgens im Bett, und jetzt sind meine Gedanken verschwollen wie das Auge. Ich bin so froh, daß Du als Amateur arbeiten kannst. Das müßte immer so sein, ich überlege immerzu, wie das später einzurichten wäre. Es gibt so wenige gesunde Beschäftigungen: Gibt es nicht auch im Frieden Eisenbahnsicherungen, oder so etwas Ähnliches? (Du hättest das als Ingenieur in zwei Tagen lernen können, wurde mir gesagt.)
Ich bin doch unschlüssig auszuziehen (würde hier ein Südzimmer bekommen), grade weil ich allein bin (Annina will ich nicht ganz dabehalten), und dann als einzigen Verkehr: Gräfin und Frau Schad habe. In der Pension sind keine interessanten Menschen, aber doch vielerlei Typen, man hört und braucht nicht zu sprechen, wenn man nicht will. (Oft ist´s mir aber schrecklich.) Ich hab´ auch etwas Angst vor dem Ganz-allein-leben, weil sich da das Gefühl der doppelten Persönlichkeit verstärken wird. (Ich – im Gehäuse). Das Angstgefühl vor Gegenständen ist mir jetzt erklärlicher geworden: die vielen verschiedenen fremden Hände. Gedankenkräfte, die das gemacht haben. In seinem eigenen Zimmer so viel Fremdes! Man kann die Naturmenschen begreifen, die sich alles selbst anfertigen, was sie brauchen, es muß sie freundlicher ansehen. (Heute sieht mein Ich nur aus einem Auge.) Wir müssen einmal über diese Dinge sprechen. Aber wenn Du da bist, ist es nicht unheimlich, dann sieht Dein Ich mein Äußeres und meines Deines. Dann sind wir eins.
Ich schreibe heute nur Unsinn. Sei nicht bös. Hab mich lieb. Bleib gesund.
Deine Martha, innen und außen, küßt Dich Tausendtausendmal.
Dir heute die Zeitung, weil mir eingefallen ist, daß sie sonntags nicht von der Redaktion verschickt wird.
Gustav Donath, Martha Musil und Annina Marcovaldi an Robert Musil, 24. August 1915
Datum: 21./22. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/9/8
–> Martha Musil
–> Gustav Donath
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Lieber Robert!
Habe heute gelegentlich einer Incognito-Reise Martha und Annina hier überfallen und bleibe noch voraussichtlich morgen hier. Fand alles wohlauf. Annina verhöhnt mich, da sie größer ist als ich. Martha wird Dir wohl von meinen Erlebnissen berichten. Demnächst ziehe ich wieder in die Weißgerberstraße. Hoffe dort verlorene Gedanken wieder zu finden.
Herzlichst grüßt Dich
Gustl
Alles Gute Dir, Lieber, das ist Geräusch bis zu Dir.
Deine Martha
Lieber Papa!
Ich schreibe Dir jetzt nur wenig, weil ich Dir einen Brief schreiben will. Ich danke Dir sehr für Deine Karte, es ist lieb von Dir, daß Du mir geschrieben hast.
Viele Küsse
Deine Annina
Martha Musil an Robert Musil, 24. August 1915


Datum: 24. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostkorrespondenzkarte
Archiv: ÖNB – 1006/9/9
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute früh, als ich grade mit Augenumschlägen (im Bett) beschäftigt war, kam Gustl und wartete, bis ich erschien. Er bleibt einen Tag, weil er hier auf jemanden wartet, den (die) er zu verfehlen scheint, geht zu jedem Zug zur Bahn, wohnt auch hier. Ich schreibe Dir dann später darüber (es ist jetzt die andre Schwester). Gustl sieht ziemlich schlecht aus, ist so unentbehrlich, daß er nur vier Wochen Urlaub hat; er kommt von Ulice.
Ich gehe jetzt zur Post. Hoffentlich finde ich.
Alles andre ist nur freundliches Plätschern.
Du. Du – Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 24. August 1915


Datum: 24. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/9/10
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Der Aeroplan? Gefahr für das Schulhaus? Überall Gefahr … Heute las ich von einem Bauern aus P., der auf dem Rückweg aus den Stellungen von einem Stein getroffen und getötet wurde. – Um noch in dem Ton fortzufahren: Es wurde von guten Reitern erzählt, daß man nie seines Pferdes sicher sein kann, und deshalb – besonders wenn man allein reitet – seine Gedanken immer beim Pferd und Weg haben soll. Bitte achtgeben! – Und um fortzufahren: Es wurde über das Rauchen gesprochen: Ein Arzt sagte, die Herren würden nicht rauchen, wenn sie wüßten, wie gefährlich es ist und was für Krankheiten daher kommen. Auch Prof. Ehrlich soll daran gestorben sein (Verkalkung). Ein Jammer, daß er so früh gestorben ist. – Ich will Dich nicht langweilen und wage gar nicht, es zu verlangen. Aber vielleicht kannst Du das Rauchen einschränken? Es soll übrigens besser sein, ab und zu eine Zigarre zwischendurch zu rauchen, nicht nur Zigaretten. Natürlich muß die Zigarre leicht sein. – Jetzt habe ich Dich fast eine ganze Seite lang gelangweilt. (Bin erfreut, daß das Telephon im Schlafzimmer ist.) – Mein Auge ist etwas besser, aber noch verschwollen, sieht aus wie ein schlecht gemaltes Auge. Ich fragte den Arzt auch wegen des Fingers, er meint, daß der Nagel gut wächst (der neue wächst langsam unter dem alten, man sieht es kaum) und daß man den Finger etwas mit Jod pinseln könnte, weil er noch ein wenig geschwollen ist. Ich brauche keinen Fingerling zu tragen.
Gustl ist hier, um das Fräulein zu treffen, aber sie scheinen sich zu verfehlen. Wenn ich Dir davon schreibe, soll ich sagen, daß sie nicht etwa eine Maschinschreiberin ist, sondern ein sehr gebildetes Mädchen. Das Verhältnis zu „Lona“ scheint viel ernster als das zu Lilli – diese hat sich jetzt verheiratet – und hat bewirkt, daß Gustl und Alice nur noch rein freundschaftlich verkehren. Alice verlangt nichts anderes und Gustl muß das für Lona tun. Gustl fühlt sich befreit, sieht wieder innere Möglichkeiten offen. Alice war einige Male krank, jetzt geht es ihr gut, sie liest nicht mehr Nietzsche, aber scheint theosophische Interessen zu bekommen. Es ist amüsant, wie Gustl sich ihr gegenüber geändert hat, er verehrt sie zwar immer noch, aber mehr aus alter Gewohnheit, hält sie jetzt zum Sparen an (sie wird nicht mehr drei Zimmer behalten, nur zwei, nicht mehr das Kinderfräulein behalten). – Offenbar hat Lona Einfluß auf ihn genommen. Deine Mama weiß davon, weil er sie eigentlich zu ihr nach Aussee bringen wollte, aber sie ging dann nach Kitzbühel zur Frau des Präsidenten Wiener. Gustl sieht ziemlich schlecht aus, mager, nicht sehr gepflegt. … Und Du bist nicht hier …
Heute ist wundervolles Wetter, Sonne, Neuschnee auf den Bergen, wollte eigentlich nach Natters fahren und auf der Brennerstraße zurückgehen, fürchte aber, wegen des Auges, den Zug in der elektrischen Bahn und werde hierbleiben. (Die Fahrt nach Hall am Sonntag hatte dem Auge geschadet.) – Einige Straßen und Häuser in Hall entzückend. – Glaubst Du an eine Offensive von dort aus und bald? Es beunruhigt mich sehr – die Meinungen sind ganz verschieden. Alle sagen: bald Offensive, aber manche denken, nur vom Italienischen aus und in Tirol Ruhe – manche umgekehrt. – Liebster Liebster. Wenn wir nur bald auf die Sonnenseite kommen.
Wie ich höre, soll Alfonso herkommen, um Wintersachen zu holen. Ich habe gleich Anna nach Berlin geschrieben, daß sie mir schicken soll, was sie findet. Bitte schreib, was ich Dir sonst noch mitschicken kann. – Wenn die Sachen aus Berlin nicht rechtzeitig ankommen, möchte ich Dir hier inzwischen etwas kaufen, damit das liebe Eselein nicht friert.
Tausend Küsse von Deiner.
Deine Martha
Heute schon eine Karte irrtümlich 23. VIII. datiert. Dir geschickt.
Martha Musil an Robert Musil, 25. August 1915


Datum: 25. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/9/11
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Brief vom 24. (gestern!) erhalten. Die Eselein sind entzückend, – das Eselein auch … – Musik? Ich habe ein wenig das Gefühl, daß Du mir mit der Abhandlung einen Köder hinwirfst (daß Du mich ablenken willst) und bin etwas beleidigt; – aber das macht nichts. Dein Satz: „… und doch von dem fremden Willen in den Grenzen der Gesetze seiner Konzeption gehalten …“ scheint mir den Unterschied zu zeigen. Man tritt mit dem Gedicht hinaus, hinauf – und bleibt dann irgendwo allein, im Nicht-Realen. Musik (wie man sie beim Spielen empfindet) ist vielleicht einem Tanz ähnlich. (Tanz der Wilden, Sinnenrausch.) Man bleibt im Bann des Autors, hinauf, hinab, und ist nachher fertig, wie nach dem … ich weiß aber gar nichts. –
Dein Gedicht nehme ich immer zu mir ins Bett, lasse mich von ihm hinauftragen, wo die Gesetze der Schwerkraft ausgeschaltet sind.
Gustl ist heute früh wieder fort. Wir sind gestern abend lange spazierengegangen und er hat mir viel von Alice, Lona und den beiden Lillis erzählt. Lilli hatte ihn nur gereizt, Lona erlöst. – Er hat sein Verhältnis zu Alice geändert, weil er fühlte, daß er daran zugrundeging. Jetzt ist er wieder produktiv, aber nur für sich.
Und Du bist nicht bei mir! (Langsam werde ich wieder bös.) Es dauert zu lange. Das Gefühl der Sehnsucht ist ein gewaltsames Anheben, Auseinanderreißen der beiden festgewachsenen Duich. Zu schmerzhaft, um es lange auszuhalten. Darum das Fortschieben. –
Das Auge ist fast ganz gut, ich gehe morgen noch zum Arzt, auch wegen des Fingers, er schmerzt noch ein bißchen im Gelenk, beim Biegen, aber ganz wenig. Und an der Spitze ist er gerötet und man sieht die Narbe. Heute bin ich unruhiger (wenn möglich), weil ich Dich irgendwo unterwegs vermute und vielleicht morgen keine Nachricht habe. Du sollst (Krallen) mich nicht in der Weise zu beruhigen suchen! Es ist ja doch immer Ursache zum Angst haben. Ich möchte zu Dir kommen und mich bei Dir …
Bulgarien und die Türkei? Hoffentlich kommt Rumänien noch dazu. – In Rußland alles gut. Der schnelle Gang wird die Offensive beschleunigen. Was machen wir dann?
Heute ist noch schönes Wetter, aber vom Süden kommen Wolken. Ich will ihnen auf der Brennerstraße entgegengehen. Praktisches: Welche Schokolade schmeckt Dir am besten? Ist die hiesige gut oder nicht? Wenn nicht, würde ich sie immer von Berlin aus schicken lassen. (Dort kostet sie halb soviel wie hier), aber ich schicke natürlich die, die Dir besser schmeckt. – Willst Du nicht morgens immer Zwieback oder Cakes mit Marmelade nehmen? Soll ich wieder Marmelade schicken? Und was sonst? Könntest Du Dir nicht jetzt eine ärarische Pelzweste (ohne Ärmel ist manchmal praktischer) kaufen? Weil ich Deine Weste noch nicht schicken kann? Du kannst ganz gut beide gebrauchen.
Armes, verlaufenes Eselein!
Deine mit tausend Küssen
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 26. August 1915


Datum: 26. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Feldpostbrief
Archiv: ÖNB – 1006/9/12
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute nichts. Trotzdem Du es mir gesagt hattest, hoffte ich doch, daß Du zurück wärst. Wenn es Dir nur gutgeht!!! Es war doch sehr lieb von Dir, daß Du für mich über „Musik“ nachgedacht hast. Wieviel Zusammenhängendes Dir gleich einfällt, wo ich nur Flohsprünge mache. Der Vergleich: Begeisterung auf Musikantengesichtern und Händeausdruck ist sehr schön. – Erinnerst Du Dich an die blinden Musikanten in Rom? Da war der Ausdruck monumental überhöht; aber nicht wie in Stein gehauen, sondern holzgeschnitzt.
Wo bist Du jetzt? Geliebter?! Hoffentlich weiß ich es morgen.
Ich will heute wieder mit Annina einen größeren Spaziergang machen, zum Rechnethof, von der Hungerburg aus, und zu Fuß zurück. Sehr hübsch … Ich denke oft, daß Innsbruck ein geeigneter Ort für uns wäre. Das Klima ist nicht schlecht. Die nahe Umgebung sehr schön, und die Stadt bietet ziemlich viel. – Ich überlege immer, was wir nach dem Krieg machen werden, sprach auch mit Gustl darüber, er sagt, es gibt Bibliothekarstellen bei Fürsten (auf einem Schloß), wäre das zu einsam? Ich glaube fast. – Deine Eltern kommen nicht her; vielleicht waren die Andeutungen darüber auch nur Formsache. – Annina fortzuschicken ist mir leid und nicht. Sie ist eigentlich zu hübsch, um ohne meinen und Deinen Schutz zu sein und sie fühlt sich schon sehr als Weibchen. Sie hat hier einen kleinen Flirt mit einem Einjährigen, der ihr eigentlich gar nicht gefällt, aber sie wahrscheinlich reizt. Heute vormittag (als ich beim Arzt war) ist sie mit ihm spazierengegangen. – Sie traf ihn zufällig. – Ich glaube, wenn man so etwas ernstlich verbietet, hat es nur den Erfolg, daß es heimlich getan wird, während sie jetzt noch offen ist. Aber für Berlin ist es unangenehm. Ihre Figur sieht jetzt auffallend hübsch aus und das Gesicht manchmal schön. Gustl war ganz überrascht. – Schade, daß Du sie nicht siehst. – (Manchmal wieder sieht sie kaum hübsch aus.) – Mein Auge ist fast gut und der Finger wird abends mit Jod gepinselt, d. h. ich mache es selbst, bis zum Morgen ist die Farbe dann verschwunden. Fast jeden Abend denke ich: Ob Du morgen früh da sein wirst?! – Aber es ist wohl leider jetzt nicht möglich. (Wenigstens für Resignierte, – wie wir es sind.)
Deine traurige Krähe
(Deine.)
Annina Marcovaldi an Robert Musil, 26. August 1915


Datum: 26. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1005/34/11
–> Annina
–> Im Fersental
Lieber Papa!
Mama hat mir erzählt, daß sie Dir von dem Kadetten geschrieben hat. Du mußt mir nicht böse sein, weil ich mit ihm spazierenging, ich dachte wirklich nicht, daß es unpassend sei. Ich hatte ihn auf der Straße getroffen und wollte sowieso spazierengehen. Mama hat mir auch gesagt, daß ich in Levico viel zu entgegenkommend war, das finde ich jetzt auch; aber zu dem Kadetten war ich wirklich gar nicht so. Du bist mir doch jetzt wieder gut, lieber Robschi? Bitte schreibe mir oder laß mir durch Mama sagen, daß Du mir nicht mehr böse bist. Mama will, daß ich bald nach Berlin fahre. Ich möchte natürlich hierbleiben, ich mag so ungern wieder mit Zia Hanna und Zio Jacques leben, besonders weil ich hier doch mit ganz anderen Menschen lebe. In die Schule gehen möchte ich aber doch, oder irgendetwas tun, denn hier tun wir nie etwas. Du müßtest auch Mama schreiben, daß sie wieder etwas malt, dieses Leben ist doch nichts für Mama. Wenn ich doch bald nach Berlin komme, werde ich Dir wieder Schokolade von meinem Geld schicken, hier habe ich keines. Es ist dumm, daß Du jetzt so wenig schlafen kannst und auch so viel zu tun hast. Du machst auch so ein grantiges Gesicht auf den Photographien. Du hast Dich doch früher immer geärgert, daß ich solche häßlichen Pickeln auf den Armen hatte, darum wollte ich Dir schreiben, daß ich jetzt fast gar keine mehr habe. Ich glaube überhaupt, daß ich hübscher geworden bin seit Ostern. Bitte schreibe mir einmal.
Viele, viele Küsse
Ich habe Dich furchtbar lieb, hast Du mich auch wenigstens etwas lieb?
Deine Annina
Martha Musil an Robert Musil, 27. August 1915


Datum: 27. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/9/13
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Mein Geliebter!
Deinen Brief erhalten (vom 25. und 26.). Geliebter. Jetzt wird es immer schlimmer. Diese Schufte. Ich hatte doch gehofft, daß sie Euch nicht angreifen würden. Und in den Zeitungen liest man alles erst verspätet! Mich hat schon dieser starke Angriff auf Lafraun vom Norden her so besorgt gemacht, denn ebenso wie dorthin können sie sich auch zu Euch wenden. – Warum ist Alberti so aggressiv; das ist sehr unangenehm, er müßte doch ruhig unten bleiben. Liebster, auch der Gebirgskrieg ist gefährlich genug. Du mußt nicht auf die Sicherheit der Deckungen bauen und unvorsichtig sein. Aber alle Vorsicht hilft ja auch nichts. – Wenn nur Polen wirklich helfen würde. Jetzt ist auch Brest-Litowsk genommen und man weiß nicht, was sie noch wollen, wahrscheinlich Riga, Wilna. Wenn sie dann nur Schluß mit Rußland machen würden und Verstärkungen nach unten schicken! Aus der Zeitung sieht man ja, daß auch Alpini und Bersaglieri in der Gegend sind, da könnten sie doch leicht durchbrechen. – Schick mir auch Deine H…n. Ich will Dich daran herbeiziehen. –
Verzeih, daß ich Dir so haltlos schreibe, aber ich kann gar nichts denken, wäre ich bei Dir, würde es besser sein. Aber so: Du in Gefahr und ich hier in dieser bürgerlichen Sicherheit. Ihr müßtet doch Pflegerinnen brauchen, für die Typhuskranken, ich würde mich nicht dabei anstecken; bin nicht empfindlich. Bitte! Wenn es irgend möglich ist, laß mich kommen!!! Bitte paß beim Reiten gut auf Pferd und Weg auf und auf fallende Steine (nicht träumen!). Könnte ich Dich nur schützen. Geliebter. –
Wir haben gestern und vorgestern einen größeren Weg gemacht, wollen heute wieder südlich auf der Brennerstraße gehen. Das Gehen macht mir persönlich keine Freude, nur übertragen durch Dich, weil mein Körper dadurch hübsch wird. Nur der Weg von Pergine nach Palai würde mir Freude machen. Ich muß es doch noch in diesen Tagen versuchen, – vielleicht gelingt es.
Deine Deine Deine
Küsse, Deine Martha
Der Vater des jungen Radioleutnants, der gestern abend bei Euch war, ist Arzt, sagt: „Keinen Salat, nichts Ungekochtes, sehr saubere Hände vor dem Essen, beim Rauchen;“ Nimm lieber immer die Spitzen zum Rauchen; ich werde Dir morgen neue schicken (werde irgend etwas von mir mitschicken). (Natürlich ist das Brot und alles, was andre anfassen, auch gefährlich.) – Herr und Frau Dr. Spiegler sind zu mir sehr liebenswürdig, sei es auch zu dem Sohn, wenn Du ihn siehst.
Ich umschließe Dich –
Deine Martha
(Schon vor langer Zeit fragte ich Dich einmal, ob Du errätst, wie ich die Unterschrift geschrieben hatte. Aber Du hattest es nicht erraten.)
Martha Musil an Robert Musil, 27. August 1915


Datum: 27. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/9/14
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Mein Liebster!
Heute vormittag bekam ich Deinen Brief vom 25. und 26. (habe ihn schon beantwortet). Abends ging ich, wie gewöhnlich, ohne Hoffnung etwas zu finden, zur Post, fand Deine Karte vom 25. Ich schicke Dir nun gleich morgen die Kappe und die Schneestreifen und noch einiges und lege dies hinein. Ich wollte Dir etwas von mir schicken, aber ich weiß nichts. Da schicke ich Dir ein Taschentuch, das ich heute die ganze Nacht unter dem linken Arm halten werde, vielleicht bringt es etwas von mir mit. – Ziehst Du Dich auch warm an, wenn Du nachts auf bist? Die Wollweste? (Du hast zwei dort.) Am besten die ohne Ärmel, weil sie länger ist und den Leib schützt … Du mußt beide Westen an der Tür hängenlassen, daß Du sie schnell erreichst. Wenn Du die Leibbinde trägst, binde sie nur ganz lose (Du willst sie immer festziehen). Ich möchte das. Dich. Wiedersehen. Wann? Das ist jetzt schon ein Klagegeheul geworden.
Du sagst immer „keine Angst“, und hier kommen die Züge mit den Verwundeten an, auch Züge mit Gefangenen. Heute soll die erste italienische Fahne angekommen sein; ich will sie ansehen … Armer Liebster! Armes Eselein! Möchte arbeiten und muß gute Miene zu so bösem, dummem Spiel machen! Kann nicht einmal schlafen! Und ich sitze hier allein und lasse meine Brüste auf dem Papier ruhen, das zu Dir geht. Beide. Weißt Du noch? Du küßt immer auch die andre. Ich küsse Dich vom Kopf zu den Zehen und wieder hinauf. Überall. Geliebter.
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 28. August 1915


Datum: 28. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/9/15
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster!
Heute – nichts – auf der Post. Gar nichts. Und morgen ist Sonntag. Nur vormittags geöffnet. Und ich weiß, daß dort Kämpfe sind. Die Hoffnung, daß es vor dem Winter aus ist, ist schon fast vorbei; trotz aller Siege ergibt sich Rußland nicht, und dann kommt erst die Offensive gegen Frankreich. Der Kronprinz wartet schon darauf. – Vielleicht hilft es doch, wenn man ganz fest wünscht, daß Italien nachgibt. Bitte Du auch wünschen! (Das ist das Strampeln von Ertrinkenden.)
Ich habe Dir heute die Kappe (mit zwei aufgenähten weißen Flecken) geschickt, sie ist zum Herunterklappen, für den Winter sehr praktisch, dann neuartige Schneestreifen; wenn sie Dir nicht praktisch scheinen, schicke ich Dir noch die schmalen. Zahnbürste (vor Gebrauch einen Tag ins Wasser stellen), Seiflappen, das Taschentuch, das mit mir geschlafen hat und den kleinen Zettel. (Und als zweites Muster die Zigarettenspitzen.) – Morgen schicke ich mit diesem etwas Schokolade. – Laß Dir öfters Kamm und Bürste waschen. – Mein Auge ist beinahe gut, nur noch – gerötet. Ich möchte mit meinen kleinen Leiden alle kleinen und großen von Dir abziehen … Bin traurig, Liebster. Wird je wieder Frieden kommen? Warum trennt uns der Krieg? Man sollte einen Aufsatz über alle Ungerechtigkeiten schreiben: die Bevorzugung der Aktiven, der wirtschaftliche Ruin der Einberufenen. (Ich hörte von Schad, daß Otto Redlich Oberstleutnant geworden ist.)
Es ist furchtbar, Geliebter, daß Du fort bist.
Deine Martha
Martha Musil an Robert Musil, 29. August 1915


Datum: 28. August 1915
Ort: Innsbruck / Feldpost
Typ: Brief
Archiv: ÖNB – 1006/9/16
–> Martha Musil
–> Im Fersental
–> Entdeckung & Erfindung
Liebster???!!!
Karte vom 27., Brief vom 28., mit vieler Mühe erhalten. (Es war nichts da, ich ließ nachsuchen.)
Also Du freust Dich, also Du feixt. Also Du willst zwischen den Kugeln herumtanzen und mich auslachen. Rache, rächen ist meine erste Reaktion. Un… sein oder erschießen oder mich irgendwie verderben.
– Krieg ist wie Futuristenmusik, Auskehrgalopp im Zirkus, toller Lärm in der Kinderstube, Kasperltheater. Wenn Du da mittust, brauchst Du keinen Rückenwärmer, da ist jede recht zum Herumtollen und Schreien. Ich auch, aber dann alle für alle. Wie Du willst.
(Meine Feder kann nicht so kratzen wie ich.)
Deine Martha
Kann nicht den Brief fortgehen lassen, ohne Dich zu küssen. Tausendmal. Böses Eselein, altes, schlechtes, häßliches. liebes – Bleib gesund, Geliebtester. Geliebter, Liebster, Meiner
Deine Martha
Geliebter






