Tierbuch/Idyllen

Tierbuch (Idyllen)
Das Fliegenpapier Tanglefoot
Eine Fliege stirbt
Der Feigenbaum am Caldonazzosee (zusammen mit S. Giuliano in der Hand des Mädchens)
Das lachende Pferd
Die kleine Geisterkatze in Bozen
Pepi
Hunde in Palai
Schweineschlachten in Palai (zusammen mit dem Stifter-Kamm, dem Lärchenwald) (Gridschji)
Der Löwen-Coitus in Schönbrunn
Die Affeninsel in Villa Borghese
Orang Utans (Das Liebespaar)
Die Hunde auf der Fram
Tier-Erkenntnis im Grunewald (Tierbuch eines Menschen, der sich nie Tiere gehalten hat)
Eventuell: Du enthältst Mikroorganismen
Die junge Kuh in Villa Borghese
Krankheit und Gott (Lärchenwald, Wasserfall, Gridschi)
Der heilige Berg (Colle di Lana) (In der Val Sugana blühten damals schon die Veilchen.)
Lawine und Hoblicht
Die Proprietäten des Toten
Der Deserteur
Gott am Isonzo.

Nur dann ernst schreiben, wenn man etwas fertig machen kann und die Augen schon ein paar Seiten voraus hat beim Schreiben. Ist es noch nicht so weit, so nur unverantwortlich skizzieren und weglegen bei erster Stockung.

Idyllen: Gridschi müßte mit dem Eindruck der Berge von Pergine aus anfangen. Mit diesem an der Grenze von Märchen sich stehen Fühlen eines sonst verläßlichen Menschen. Dann der Blick von Palai auf die sonnenbeschienene Floruzer Talseite und der Weg unten in der erdigen Schlucht. Dann der Kessel, dieses abgeschlossene Reich.


Feigenbaum am Caldonazzo See: Wie ich unter den Baum trete: Wie ein grüner seidener Unterrock, durch den die Sonne scheint. Und die Feigen aufgesprungen, fleischfarben und rot geöffnet …: oh, so lange keine Frau …!
Wie von Honig oder Goldstaub glitzernde Bienen summen mit mir. (In diesem grünen Licht glitzern die Bienen …) Zuvor: Rudern im blauen See. Die Weitgänger von Cima di Vezzena fallen in die schmale Ebene

zwischen Felswand und Wasser. Ein wenig weiter und es kann einer voll ins Boot fallen und es in Splitter zerstauben. So könnte es uns auch beim Schwimmen erwischen, – wie man mit Dynamitpatronen Fische fängt. Mit aufgerissenem Bauch blinkt man dann silbern auf der Wasserfläche. Die Ebene ist gar nicht so schmal, aber …


Man glaubt immer, daß man im Angesicht des Todes das Leben toller genießt, voller trinkt. So erzählen es die Dichter. Es ist nicht so. Man ist nur von einer Bindung befreit, wie von einem steifen Knie oder einem schweren Rucksack. Der Bindung an das Lebendigseinwollen, dem Grauen vor dem Tode. Man ist nicht mehr verstrickt. Man ist frei. Es ist Herr-lichkeit.


Am Pincio, hinten, liegen zwei Sarkophagdeckel aus Stein. Lang ausgestreckt ruht darauf das Ehepaar, dem sie galten. Man sieht viele solche Sargdeckel in Rom aber in keinem

Museum und in keiner Kirche machen sie diesen Eindruck wie hier unter den Bäumen, wo sie wie auf einer Landpartie ruhn und eben aus einem kleinen Schlaf erwacht zu sein scheinen, der zweitausend Jahre gewährt hat. Sie sind auf Elbogen gestützt und sehen einander an. (Es fehlt nur der Korb mit Käse, Früchten und Wein …) Die Frau trägt eine Frisur mit kleinen Loken – gleich wird sie sie richten – nach der letzten Mode vor dem Einschlafen. Und sie sehen einander an, lang, lang, ohne Ende. Dieser treue, brave, bürgerliche, verliebte Blick, der die Jahrtausende überstanden hat, währt unendlich. Er ist im alten Rom ausgesendet worden und trifft im Jahre 1913 in das Auge. Ich wundere mich gar nicht darüber, daß er vor mir weiterdauert. Er wird nicht steinern

Nur dann ernst schreiben, wenn man etwas fertig machen kann und die Augen schon ein paar Seiten voraus hat beim Schreiben. Ist es noch nicht so weit, so nur unverantwortlich skizzieren und weglegen bei erster Stockung.


Geraldine Farrar: Ich möchte das einmal in meinem Leben beschreiben. Eine Stimme steigt in einem Lift, eine Frauenstimme natürlich. Und schon fährt der Lift mit ihr wie rasend in die Höhe kommt an kein Ziel, senkt sich, federt in der Luft. Ihre Röcke blähen sich vor Bewegung. Dieses Heben und Sinken auf und nieder, dieses lang angepreßt still Liegen an einen Ton und dieses Verströmen – Verströmen und immer noch von einer neuen Zuckung Gefaßt-Werden und wieder Ausströmen: ist Wollust. Es ist jene allgemeine europäische Wollust, die sich zu Todschlag, Eifersucht, Automobilrennen steigert – ah, es ist gar nicht mehr Wollust, es ist Abenteuersucht. Es ist nicht Abenteuersucht, sondern ein Messer, das aus dem Weltraum niederfährt, ein weiblicher Engel. Es ist die nie lebend verwirklichte Wollust. Der Krieg.

Das lachende Pferd (vergleiche Römisches Tagebuch 7): Mit allen Zeichen der Erschütterung kommt jemand und fragt: kann ein Pferd lachen? Man sagt: es wiehert, es schreit, wenn es an der kitzlichten Stelle in den Achseln der Vorderbeine berührt wird, mit einem Trompetenton. Und kurz hintereinander ausgestoßene Schreie können wie Lachen wirken. Ein – physiologische Definition – Reiz des Zwerchfells. Ja aber, da wehrt es gleichzeitig ab, schlägt aus. Wenn es nun aber jedesmal danach ganz stillsteht, die Ohren zurücklegt, die Augen zurücklegt und darauf wartet, daß der Striegel sich wieder der Stelle nähert? Wenn es nicht ausschlägt, sondern hüpft und an sich hält wie ein Mensch, der ja auch achtgeben muß, den, von dem er sich kitzeln läßt, nicht in den Mund oder ins Auge zu schlagen? Wenn es spielt, ganz sichtlich mit dem jungen Burschen spielt, der es striegelt. Oh, das ist fürchterlich. Das ist unheimlich.

Gridschi: Zu unserer Alm gehn. Welche Verzauberung.
Heustadl: Durch die Fugen zwischen den Balken strömt silbernes Licht ein. Das Heu strömt grünes Licht aus. Unter dem Tor liegt eine dicke goldene Borte. Das Heu riecht säuerlich. Wie die berauschenden Getränke der Neger (aus dem Teig der Brotbaumfrucht und Speichel bereitet). Durch diesen Gedanken entsteht ein wirklicher Rausch. In der Hitze des engen, von gärendem Heu erfüllten Raumes. Das Heu trägt in allen Lagen. Man steht darin bis zu den Waden, zugleich unsicher und überfixiert. Man liegt darin wie in Gottes Hand, möchte sich in Gottes Hand wälzen wie ein Schweinchen. Man liegt schräg und fast senkrecht, wie ein Heiliger, der in einer Wolke zum Himmel fährt.
Die Geliebte hockt in einem Kartoffelacker. Du weißt, sie hat nur zwei Röcke an, die trockene Erde berührt ihr Fleisch nicht unangenehm und ungewöhnlich. Durch ihre schlanken rauhen Finger rinnt trockene Erde. Das ist nicht die Magd, die mit zwanzig anderen Rüben erntet. Das ist die freie Bäurin, die aus der grauen, ausgetrockneten Erde hervorgewachsen ist.

Man könnte die Tierskizzen auch zu einer einzigen Erzählung machen. Dann wäre Hauptperson ein Mann, der sich vorher auch oft in Lebensgefahr begeben hat. (Im Gebirge, beim Schwimmen, Segeln, Autofahren.) Aber immer war ihm das nur ein Sportreiz. Im Krieg ist es die Erweckung. Und nachhause kommt er mit einer nicht mehr einschlafenden Angst vor dem Tode, weil er nicht weiß, wie es ist. – Die älteren Erlebnisse hat er mit der Frau mit der Blüten-Vagina mitgemacht. Er ist ihr untreu mit den religiösen Steigerungen.

Die Maus auf der Alpe Fodara vedla
Wer hat da eine Bank hingestellt? Wer auf dieser Bank sitzt, sitzt fest. Der Mund geht nicht mehr auf. Das Atmen wird fremd, ein Umgebungsbestandteil (wird nicht der Atem der Natur, sondern – wenn es zu Bewußtsein kommt – etwas Angetanes wie eine Schwangerschaft). Das Gras ist noch vom Vorjahr, so blutleer, als ob man einen Stein wegwälzt. Buckel und Mulden ohne Sinn und Zahl. Knieholz und Alpe. Aus dieser Brandung wird der Blick immer wieder an das gelbe, runde Felsenriff geworfen

und rinnt zersplittert ab. Es ist nicht übermäßig hoch, aber darüber ist nur mehr das blaue Nichts. So wüst und unmenschlich war die Welt in den Schöpfungszeitaltern.
Die kleine Maus hat sich darin ein System von Laufgräben angelegt. Maustief, mit Löchern zum Verschwinden und anderswo Wiederaufzutauchen Sie huscht im Kreis. Steht. Huscht im Kreis weiter. Die Menschenhand sinkt von der Lehne der Bank; ein Auge so groß und schwarz wie ein Spennadelknopf richtet sich hin. Ist es dieses sich drehende kleine lebendige Auge oder die Unbeweglichkeit der Berge? Gottes Wille geschieht? Oder der Wille einer kleinen Feldmaus, vor dem du zitternd unvorbereitet stehst: (Man weist den Gedanken an Gott als literarisch ab. Fragt sich exakt:) Beweglichkeit des Auges – Unbeweglichkeit der ungeheuren Berge. Und hilflos merkt man: das ist ganz das gleiche.