Das Ende des Kriegs – Blaustiftfassung
A 25, S. 4-10

VII/11/93
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A 25. 4.
Der Eintritt des Kriegs unvorbereitet. Alle Voraussetzungen umstürzend. Moralische nicht weniger als nationalökonomische. Alle Zusammenhänge ließen aus; Zusammengehörigkeitsgefühl der Geistigen wie des Proletariats. (Nur der gefährdete Besitz und seine Ideologen – Berl. Tageblatt – zeigten Sorgenfalten) Neue Zusammenhänge waren da. Verschmelzen sehr verschiedenartiger (Gerda) Ichs in der neuen Zusammengehörigkeit, Bergführer und Turist.
Das Ende des Kriegs bereitet sich sehr umständlich vor und die moralische Struktur, welche der Krieg hinterlassen wird, wird schon lange vor seinem Ende sichtbar.
Was mir außer dem neuen Hingabegefühl zu Anfang Eindruck machte, waren die Alldeutschen. Verschrien als Hetzer, in der inneren Politik wenig sympathisch. Aber wenn etwas die ganze Welt überrascht und auf den Kopf stellt und es hat Leute gegeben, welche, beschimpft und verlacht, das vorausgesagt haben, welche dieses für die anderen Unerwartete immer als einen festen Posten in ihrem Leben geführt haben: – sind das nicht interessante Leute? (Gerda: Wir Deutschen müssen uns stark halten.)
Man hat sie im Frieden als präsumptive Kriegsgewinner verdächtigt. Aber waren sie das? Diese Professoren, Beamten, Publizisten? Die Landwirte darunter, konnten sie voraussetzen, daß sie es sein würden?
Friedenspsychose: – Wenn man das Anfangsgefühl als eine Psychose erklärt, dann wäre zu bedenken: Der lange Krieg hat eklige Erfahrungen gezeitigt. Den Kriegswucher, die rohe Unausgeglichenheit der Lasten, die Kriegsphraseologie. Man hat sich nie vorher so gut kennen gelernt wie im Krieg und ist bis zum bittren Ekel enttäuscht. Aus dieser Enttäuschung am nächsten Nachbarn flüchtet sich das Gefühl irrsinnigerweise zum Gedanken

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(Gerda: Steht Ihnen die Menschheit nicht über der Nation?)
der Menschheit. Man möchte sich mit dem Feind verbrüdern, weil man sich mit den Brüdern verfeindet. Kann dieser Zusammenhang, diese Erwartung nicht bloß in einem psychotischen Hirn gestiftet werden. (Während man sieht, was die Bolschewiken machen, was Clemenceau tut, Lyod George der Repington verhaftet)
Massen und Staaten haben ihre eigene Psychologie aber sie haben darin doch viel Gemeinsames mit der Psychologie des Individuums. Was ist der Sinn der Versöhnung nach dem Duell? Kein andrer als der von Buben, die sich müd und weh geprügelt haben. Ist nicht viel davon in der österreichischen Friedenswilligkeit? /So wie sie sich publizistisch äußert/
Geht man aber von einer so grausamen, vernichtenden Sache wie dieser Krieg vernünftigerweise weg wie von einer Prügelei?
Es gibt zwei Möglichkeiten: Machtfrieden oder Auflösung des Staats in einer europäischen oder Weltgemeinsamkeit. Wenn man ganz beiseiteläßt, was sein „sollte“, bleiben immer nur diese beiden Möglichkeiten. Der Staat als Raubtier. Die aggressive Struktur des Staats usw. in Ausführung des alten Aufsatzes. Eine von beiden Möglichkeiten muß man wollen oder man bewirkt Halbheit.
Es ist anzunehmen, daß Cz. viel klüger ist als seine publizistischen Organe und ein genauer Kenner des Staates ist. Man muß trennen zwischen seiner Friedenspolitik, die geschickt ist, wenn sie selbst nichts anderes wäre, und der öffentlichen Friedensmeinung. Diese ist ziellos und unreif und erschwert ihm das Werk. Sie ist zur Verfolgung einer anders denkenden Sekte entartet und lenkt direktionslos ein, wenn von den Pressebüros gepfiffen wird. Hätte keine andere Aufgabe als die zwei Willensziele festzuhalten: Machtfrieden oder Bund. Welches von beiden erreichbar und wünschenswerter, ist Sache der genauen Kenntnis. Man kann auch Druck ausüben u. den Frieden wollen, aber dann muß das eine Weltangelegenheit sein u keine persönliche, sonst ist man klein.

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Wenn ein Mensch für die Erreichung eines Ziels jahrelang kaum mehr erträgliche Opfer bringt: hungert, verarmt, seine Familie ruiniert, den Tod wagt, alle geistigen Güter preisgibt: so muß er dieses Ziel erreichen (und im Ziele noch einen gewissen Überschuß an Lebenskraft haben) oder er wird für den Rest seiner Tage mit gebrochenem Rückgrat herumkriechen. Eine dritte Lösung wäre nur die, daß er sein Trachten als verfehlt erkennt und wahreres besseres neues, mit den verbliebenen Kräften noch erreichbares Ziel erblickt. Man setze statt Mensch das Wort Menschheit und man hat – ohne daß die Giltigkeit dieser Sätze berührt würde – das Problem des Kriegsendes.
Dieser Krieg kann tatsächlich nur deshalb nicht enden – so unglaubhaft es anfangs auch klingt – weil niemanden die zur Auswahl aufgelegten Vorstellungen des Friedens locken weil niemanden der Friede lockt. Dieser scheinbar nur paradoxe und
18 widernatürliche Satz verliert sofort diesen Ausdruck, wenn man bedenkt, daß es sich dabei ja nicht um eine vage Vorstellung von Frieden handelt (weiche Wiese für müde Wanderer) die jeder möchte, sondern um die zur Auswahl aufgelegten Vorstellungen des Friedens. Tatsächlich hat war in der sogen. Kriegszielfrage weder der Machtfriede (deutscher Friede und aber ebenso englischer, amerikanischer und französischer) eine Marschmelodie für die müden Herzen, noch der Verständigungsfriede mit seinen Kolonienschiebungen, Wirtschaftsgebieten, Interessenabgrenzungen udgl. Ich bleibe bei der Behauptung, daß wir uns von dem ersehnten Frieden noch keine Vorstellung von genügender Stärke Schwungkraft gemacht haben.
Auch muß man, wenn man wissen will, wie man zum Frieden kommt, sich endlich einmal die Frage vorlegen, wie man zum Krieg gekommen ist. Ich glaube, die richtigste Antwort darauf ist: weil wir den Frieden satt hatten. Wir hatten ja doch vor 1914
den Krieg für einen heidnischen Götzen gehalten, an den kein vernünftiger Mensch glaubte, dessen Kult bloß nicht eingestellt wird, um die Tempelindustrie (Eisenwerke, Kanonenfabriken, Schiffswerften, Offiziere, usw) nicht ihres Daseinsgrundes zu berauben. Trotzdem war er nicht nur über Nacht da, sondern begeisterte mit wenigen (durchaus nicht durchwegs besseren) Ausnahmen alle.

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Militaristen stehn auf dem Boden des Staates, alles andere ergibt sich konsequent. Sie sind Skeptiker von der Tugend
Beweisen, daß die Geschichte ideelle Triebkräfte hat.
Staat u Mann

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8.
Dafür hatte man schon vor dem Krieg einige Reihe Erklärungen
vorgesehn, aber sie genügen nicht die durch Suggestion, und Massenpsychose. Aber mit nicht größerer Berechtigung als auf jedes leidenschaftliche Erleben hätte man sie hier anwenden können; das seltsame war ja gerade, daß es sich innerlich um keine Verschiebung, Verzerrung und Minderung zu handeln schien, sondern um das Hinzutreten einer neuen Kraft. Man müßte denn rein zur Erklärung sehr unsichere Annahmen über die Massenseele machen, wie die, daß sie einem gewissen zirkulären Irrewerden unterworfen sei und in der Zwischenzeit zwischen ihren Erregungszuständen von diesen nicht viel wisse. Wenn eine solche Annahme auch durch die geschichtliche Betrachtung der ewigen und gleichförmigen Periodizität der Kriege verblüffend nahegelegt wird, so fehlt ihr doch zur Denkbarkeit das Substrat, nämlich die dingliche Realität des Begriffes Massenseele. So bleibt zur Erklärung der Leidenschaft des Kriegsausbruches wirklich nur die Annahme, daß es sich um eine Katastrophe, um die Endexplosion einer europäischen Lage gehandelt hat, die schon länger vorbereitet war und bestand.
Da die Erscheinungen bei Freund und Feind gleich waren, muß die Ursache eine europäische sein. Da es sich nicht um eine einmalige, sondern um eine in der Weltgeschichte regelmäßig wiederkehrende Erscheinung handelt, kann es sich nicht um sie keine Gelegenheitsursachen haben, sondern die Ursachen müssen gerade in der Gegend der ewigen Werte und der gleichgebliebenen Daseinsformen liegen. Es folgt schon daraus, daß der Kapitalismus nicht die Ursache des Kriegs sein kann und ebensowenig der Nationalismus, sondern daß diese beiden, gewöhnlich verantwortlich Gemachten, höchstens Zwischenursachen sind oder Vorstadien (wie ein Augenkatarrh mitunter einer Halsentzündung vorausgeht) Das gleiche, was den Krieg verursacht hat, verursacht auch sie, der Mangel eines höheren Lebensinhaltes. Man kann den Krieg auf die Formel bringen: Man stirbt für seine Ideale, weil es sich nicht lohnt für sie zu leben. Oder: Es ist leichter als Idealist als Idealist leichter zu sterben als zu leben.
Eine ungeheure Flaute lag über Europa und wurde wohl am drückendsten in

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Deutschland empfunden. Religion tot. Kunst u Wissenschaft eine esoterische Angelegenheit. Philosophie nur als Erkenntniswissenschaft betrieben. Familienleben zum gähnen (aufrichtig gestanden!) Vergnügungen lärmend, wie um sich vor dem Einschlafen zu schützen. Fast jeder Mensch ein
Präzisionarbeiter, der nur ein paar Handgriffe auszuführen weiß.
Dabei jeder durch Zeitung, Eisenbahn #zum# in den Mittelpunkt
der Erde gesetzt ohne etwas damit anfangen zu können. Politik
ein Kleinverschleiß von gewesenen Ideen. Was Lebenswertes gibt es in einem solchen Menschenleben?: Dieser Mensch von 1914 langweilte sich buchstäblich zum Sterben! Deshalb kam der Krieg mit dem Rausch des Abenteuers über ihn, mit dem Glanz ferner unentdeckter Küsten. Deshalb nannten ihn solche, die doch nicht geglaubt hatten, ein religiöses Erlebnis, nannten ihn die Vermauerten ein einigendes Erlebnis. Die im Innersten ungern ertragene Organisationsform des Lebens zerging, Mensch verschmolz mit Menschen, Unklarheit mit Unklarheit, man kannte, Gott gedankt, keine Parteien mehr und hoffte bald Ich und Du und alle darum herum geknüpften Gebilde bald auch nicht mehr zu kennen. Es war die Revolution als Ende einer gestockten Evolution.
In Deutschland kam noch eine Besonderheit hinzu nahm das eine besondre Form an, die ihrer Wichtigkeit halber auch gesondert genommen werden muß, ich nenne sie unter ihrer kürzesten Formel: M. W. Ich übertreibe nicht: MW. ist Religion und Ethos der deutschen Gemeinschaft es ist ihr toll gewordener Imperativ und es ist der Kern ihres Militarismus. In ein 29 menschliches Wort übersetzt heißt dieses Machen wir:
Tüchtigkeit. Es ist der einzige ethische Wert, den das neue Deutschland ausgeprägt und jedem einzelnen Deutschen eingeprägt hat. Es ist ja genug darüber geschrieben worden, über den Einschlag von Amerikanismus, der sich so anzeigt udgl. – ich möchte nur betonen, daß auch die alten deutschen Tugenden der Rechtschaffenheit, der Lebensfreude, des Gemeinsinns, der Kraft usw. verschmolzen darin ruhen. Im Großen Organisation der Industrie und Kaufmannschaft, im Großen und Glänzenden der Militarismus. Wer über dieses Wort nur die Nase rümpft, wird nie verstehen, wieviel roher, klotziger aber wertvoller Idealismus in ihm steckt.

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10.
Ich gehe noch weiter und halte diese Tüchtigkeit überhaupt für die höchste Leistung, die ein Staat schaffen kann.
[Wenn ich Deutschland für einen Augenblick mit den Sensorien eines wohlwollenden feindlichen Ausländers betrachten darf, so
würde ich sagen: es ist der wundersamste und zukunftsreichste
Ameisenbau, den es gibt, aber der Einzelne darin ist eine graue,
reizlose, arbeitsame Ameise. Eng – cf. den Engländer, Romanen – Die einzige Menschenformschablone von Wert und Reiz, die Deutschland erzeugt hat, ist der Soldat Offizier. In ihm hat der Deutsche Haltung. Seine Leistungen sind wunderbar. Er ist wirklich (wissenschaftlich nüchtern gemeint) der Idealtypus des Deutschen.
[Und da setzt das Dilemma des Kriegsendes ein. Daß man von uns verlangt, den Militarismus preiszugeben, ist keine Propagandamache, sondern instinktiv ins Wesen treffende Abneigung gegen deutsche Art. Wir sollen das Ideal des Durchschnittsdeutschen preisgeben im Augenblick, wo es die höchsten Proben seiner Tüchtigkeit abgelegt hat? Diese Forderung läuft wirklich auf eine Entmannung hinaus. Und ist ganz sinnlos, denn daß der Militarismus zum deutschen Ideal avanzierte ist, wie wir gesehen haben, kein deutscher Fehler, sondern ein europäischer gewesen.
Seit dem Jahre 1916 möchten alle Staaten den Krieg gerne
beenden. Aber die Idee des Kriegsziels fehlt. Es gibt nur zwei
Ziele Sieg oder – das Unbekannte. Man hat schon im Jahre 16 den Völkerbund dafür genannt. Ich glaube, daß er ernstester der
Erwägung wert wäre. Aber nirgends wird dieser Gedanke so schwer Eingang finden wie in Deutschland. / Wenn der Krieg ohne die Verwirklichung einer neuen Idee endigt, so wird ein
unerträglicher Druck über Europa lasten bleiben. / {Ev. MW u.
Militarismus herausnehmen und bei den Widerständen gegen die Völkerbundidee einfügen}
