GA Bd 8 – Nachwort des herausgebers, S. 616-629
{1} Im September 1935 ließ sich Musil von Otto Pächt davon überzeugen, die verstreuten Texte, die er in Zeitungen publiziert hatte, in einem eigenen Band zu sammeln. Ernst Polak stellte den Kontakt zu dem von Simon Menzel in Zürich eben erst gegründeten Humanitas-Verlag her. Dort erfolgte die Drucklegung nach kurzer Vorbereitung nicht ohne Kontroversen zwischen Autor und Verlag im Dezember 1935; auf der Titelseite ist 1936 als Erscheinungsjahr angegeben. Im Titel deutet sich die besondere Stellung dieses Buches im Œuvre Musils an; in der Vorbemerkung erläutert der Autor, was damit gemeint sei, einen »Nachlaß […] selbst bei Lebzeiten« herauszugeben: Er habe »beschlossen, die Herausgabe des meinen zu verhindern, ehe es soweit kommt, daß ich das nicht mehr tun kann«. Damit verweist er auf sein noch unabgeschlossenes Haupt- und Gesamtwerk. In den Vorstufen zur Vorbemerkung wird die Verbindungslinie noch deutlicher, die Musil zwischen dem Nachlaß zu Lebzeiten und dem Torso des unvollendeten Romans in Gestalt des sich abzeichnenden tatsächlichen Nachlasses ziehen will. Der Nachlaß zu Lebzeiten steht an der Schnittlinie des Schreibens am Roman und des Schreibens für das Feuilleton. Unwillkürlich prüft die Lektüre die Behauptung der Vorbemerkung, was man für »Umschreibungen späterer Zustände halten könnte«, sei »eher ein Vorausblick gewesen, getan in ein Fliegenpapier und in ein Zusammenleben von Affen«. Die im Buch versammelten Zeitungstexte sind vor dem Horizont der Zeit vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg zu begreifen.
{2} Das Entstehen des Buches dokumentieren nicht mehr als einige wenige annotierte Zeitungsausschnitte mit »Korrekturbeiblättern« und das vergleichsweise umfangreiche Material zur Vorbemerkung; ein Sonderfall ist der aufschlussreiche kleine Bestand der Wienbibliothek zu Slowenisches Dorfbegräbnis. Man kann sich anhand der Rudimente ungefähr vorstellen, wie Musil bei der Textauswahl und Redaktion vorgegangen ist. Die Druckvorlage ist, wie bei allen anderen Buchpublikationen Musils auch, nicht erhalten. Die Berichte der Beteiligten und Musils Korrespondenz sowie das Studium der Unterschiede zwischen den Feuilleton- und Buchfassungen geben mehr Aufschluss. Otto Pächt betont den bemerkenswert niedrigen Stellenwert, den der Autor selbst der Anthologie zubilligte: »Es war nicht leicht, Musil zur Herausgabe des Essay-Bandes zu bewegen. Er hielt nicht viel von diesem Plan und machte sich wenig Illusionen über die Erfolgschancen des kleinen Buches.« (vgl. O. Pächt: Zur Vorgeschichte des Buches Nachlaß zu Lebzeiten) Der Erinnerung des Förderers und Vermittlers entsprechen die Stellen in Briefen Musils, wo er mehrfach Besorgnis über den Fortgang der Zusammenarbeit mit dem Züricher Verlag zum Ausdruck bringt. »Mein kleiner Schweizer Verleger macht mir große Sorgen, da er anscheinend nicht weiß, wie man ein Buch rechtzeitig herausbringt.« (an Pächt, 1. 12. 1935) Der Briefkontakt mit Simon Menzel belegt, dass Musil seinen Part am Zustandekommen des Buches rasch und professionell erledigte und das eben auch vom Verlag erwartete: »Mit der Korrektur Seite 17 und folgende kann ich leider solange nicht fortfahren, als Sie mir nicht meine erste Korrektur zurücksenden, die ich express erwarte. Auch habe ich noch keine Nachricht von Ihnen in der Frage des Umbruchs der ›Bilder‹. Ich will natürlich den Umbruch nicht zweimal korrigieren. Ich habe Ihnen telephonisch und schriftlich meine Einwände bekanntgegeben. Ich habe den Eindruck, daß Sie sich diesen nicht entziehen werden […].« (an Menzel, 30. 11. 1935)
{3} Insgesamt nahm die Vorbereitung vom Abschluss der Vereinbarung Ende September bis zum Druck Anfang Dezember 1935 kaum mehr als zehn Wochen in Anspruch. Am Ende ging es dem Autor allerdings zu schnell; er verwahrte sich gegen den Druckbeginn vor der von ihm selbst ausgesprochenen Imprimatur: »Heute habe ich durch eine Anfrage bei Dr. Polak erfahren, daß Sie das Buch ausdrucken. Die Maßnahme selbst kann ich mir durch den Zeitmangel erklären, warum Sie aber nicht mein Einverständnis eingeholt und nicht einmal meine Telegramme und Expreßbriefe beantwortet haben, ist mir völlig unverständlich. […] Ich werde mich also sehr freuen, wenn ich Sie zu Ihrem Handstreich beglückwünschen kann, fürchte aber bis dahin doch weit mehr, daß ein und das andre Unglück geschehen sei, über das es mich wenig trösten kann, daß ich es nicht zu verantworten habe.« (an Menzel, 4. 12. 1935)
{4} In Musils Nachlass existiert ein einziger Splitter, der den Überarbeitungsprozess an den Zeitungsfassungen direkt dokumentiert, das »Korrektur-Beiblatt zu Agoag« (Mappe II/1, S. 67). Es zeigt, wie Musil aus der Version der Kurzerzählung Der Riese Agoag in der Vossischen Zeitung vom 17. März 1927 die Buchversion fabrizierte, indem er den Anfang und das Ende, mit einer neuen Schlusspointe versehen, unter Berücksichtigung der Notizen umformulierte. Die sehr sporadischen Überbleibsel lassen für die Arbeit am Druckmanuskript folgende Schlussfolgerungen zu: Musil arbeitete sehr rasch, sehr genau, um punktuelle, aber signifikante Änderungen vorzunehmen. Sein Verfahren gleicht jenem, das er auch bei der Arbeit an den Kapitelentwürfen des Romans anwendete. Wie er dort die alten Skizzen der 1920er Jahre bearbeitete, so zog er hier die Zeitungsausschnitte für die Bearbeitung mit verschiedenen Farbstiften heran, verwendete Schmierblattnotizen für die Neuentwürfe, die er unter fortgesetzten Korrekturen handschriftlich ins Reine schrieb und von Martha Musil abtippen ließ; schließlich korrigierte er noch die Druckfahnen des Verlags.
{5} Die vier Entwurfsfassungen zur Vorbemerkung unterscheiden sich deutlich vom veröffentlichten Text. Stufe für Stufe nehmen sie die Gestalt einer Rückschau auf die Geschichte des eigenen Schreibens an und verlieren den Bezug zum Nachlaß zu Lebzeiten. In »Vorwort I« behielt Musil seine Intention noch im Blick: »Was hier erscheint, hat dies überdies schon einmal getan; es ist nicht mehr zu verhindern, und ich habe mich nur bemüht, es ein wenig zu verbessern, ohne es entscheidend zu verändern. Ich habe erst nach dem Krieg und dem Verlust meines Vermögens diesen Versuch gemacht, manchmal kleine Arbeiten zu veröffentlichen, ungern, wie ich gestehen muß […]. Ich habe dabei teils auf Notizhefte zurückgegriffen, und so sind die kleinen, wiedergeformten Eindrücke entstanden, die ich hier als Bilder zusammenfasse, teils die kleinen Geschichten, die keine sind, und die Betrachtungen, die sich in der Tat nicht gerade durch Freundlichkeit gegen das Leben (von) damals auszeichnen.« (Mappe II/1, S. 54) Zur Vorgeschichte der Konzeption finden sich zwei frühere Ansätze: Unter dem Titel »Kleine Literaturgeschichte« wollte Musil im Sommer 1931 angesichts einer finanziellen Krise des Rowohlt-Verlags eine Entlastungsinitiative in Form einer Serie in der Berliner Zeitung am Mittag starten. Ein Doppelblatt im Nachlass enthält den Plan und den Anfang des Einleitungstextes für das Projekt; in dem Plan vermerkt sind acht Vorhaben, zu fünf von ihnen existierten bereits veröffentlichte Texte (vgl. Mappe VI/1, S. 178). Tatsächlich veröffentlicht wurde nur ein Text, nämlich Was ist ein Dichter? Eine unzeitgemäße Frage. Als »Der Dichter« sollte diese Glosse am Beginn der Serie stehen. Den Nukleus für den Nachlaß zu Lebzeiten bildet eine wesentlich ältere Notiz mit einer Liste von vor dem Krieg und im Krieg in den Heften notierten Entwürfen unter der Überschrift »Tierbuch (Idyllen)« (Heft II, S. 55). Als sich Musil von Juni bis August 1915 als Soldat im Südtiroler Fersental aufhielt, notierte er neben regionalen Sprachproben auch Naturbeobachtungen und Einzelheiten vom Frontalltag. Sie wurden 1918 als Stichworte zum »Tierbuch« angeführt. Die später zu Grigia und zu Die Portugiesin gewanderten Notizen dieser Schreibperiode erscheinen als Teil eines Idyllen-Projekts, zu dem sich Musil auch den alternativen Titel »Geschichten ohne Anfang und Ende« (Heft II, S. 54) überlegte. Darin deutet sich der Abschnittstitel Geschichten, die keine sind an. Als konzeptioneller Prototyp der Buchveröffentlichung von 1935 ist das Idyllen-Projekt von 1918–19 auch durch das Material der »Bilder«, die auf Musils Rom- bzw. Italien-Aufenthalte vor dem Ersten Weltkrieg zurückgehen (»Das lachende Pferd«, »Die Affeninsel in Villa Borghese«), und durch die Verbindung zu den Vorstufen von Die Amsel zu identifizieren.
{7} Was hat Musil bei der Buchherstellung an den Zeitungsfassungen verändert? In zehn Fällen liegen in der Buchfassung neue Titel mit zumindest geringfügig geändertem Wortlaut vor. Ein exakter maschinengestützter Vergleich steht noch aus; folgende Fragen können allerdings beantwortet werden:
1. Wo waren die Vorlagen publiziert worden? Von insgesamt 90 Publikationen erfolgten zehn in Zeitschriften, der Rest im – überwiegend renommierten – deutschsprachigen Feuilleton. Der Anteil der in Wien, in Prag und in Berlin veröffentlichten Beiträge hält sich dabei ziemlich genau die Waage. Bei der Entscheidung, welche Feuilletontexte in den Nachlaß zu Lebzeiten aufgenommen wurden, spielte das Organ der Vorveröffentlichung keine Rolle.
2. Wann waren die Vorlagen publiziert worden? Aus ökonomischen Gründen publizierte Musil in drei Häufungsphasen verstärkt im Feuilleton: 1921–24, 1926–28 und 1931. In der Anordnung des Nachlaß zu Lebzeiten lässt sich ein chronologisches Muster erkennen: Die erste Abteilung Bilder beginnt mit den frühesten Erstveröffentlichungen (Das Fliegenpapier [1914, 1919]; Die Affeninsel [1919]), umfasst vorwiegend Publikationen der Phase 1921–24 und schließt mit Feuilletonbeiträgen der Jahre 1927/1928 (Mädchen und Helden [1927]; Pension Nimmermehr [1928]). Die Unfreundlichen Betrachtungen und die Geschichten, die keine sind fokussieren Texte, die 1926–28 erstmals veröffentlicht wurden; in diese Abteilungen sind die späten Beiträge von 1930/1931 eingestreut.
3. Was hat Musil nicht aufgenommen? Musil ließ sich nicht in erster Linie von formalen Kriterien oder von Genre-Präferenzen leiten. Neben den enigmatischen Bildern und den pointiert kultur- und sozialsatirischen Texten nahm er Erzählerisches auf, schließlich auch Die Amsel. Ganz auf der Strecke blieben die Sportglossen; zur erzählenden Kurzprosa, die nicht in den Nachlaß zu Lebzeiten Eingang fand, zählt beispielsweise Die Durstigen; ebenso ausgeschlossen blieben die Briefe Susannens undDer Vorstadtgasthof. Möglicherweise bestimmte in diesen Fällen das Kriterium der Anstößigkeit die Auswahlentscheidung mit.
4. Was hat Musil nicht ganz aufgenommen? Nur in zwei Fällen entschloss er sich dazu, die Integrität der Vorlagen aufzuheben und eine Segmentierung vorzunehmen. Von Wer hat dich, du schöner Wald? undBücher und Literatur wurde nur ein Teil für denNachlaß zu Lebzeiten verwendet. Zu einem großen Teil der Prosastücke enthält der Nachlass interessante Manuskriptvorstufen. Im Fall von Das Fliegenpapier reichen erste Skizzen in Musils Tagebuch auf November 1913 zurück. Beim Besuch des Krankenhauses S. Spirito in Rom ging von »Tuberkulöse[n] in den letzten Lebensnächten« auf den Autor der »stärkste[ ] Eindruck« (Heft 7, S. 24) aus. Die Beobachtung der tuberkulösen Frauen vermischt sich in der Hefteintragung mit der Beschreibung von Fliegen auf dem Fliegenpapier. Der Rom-Aufenthalt 1913 stimulierte zu weiteren Eintragungen, auf die sich die Ausarbeitungen für das Feuilleton stützten, und zwar gilt das für folgende sechs Texte: Die Affeninsel,Schafe auf einer Insel, Hellhörigkeit,Sarkophagdeckel,Pension Nimmermehr undKann ein Pferd lachen? Die römisch inspirierten Sujets traten in Verbindung mit Motivkomplexen aus dem Kriegstagebuch 1915–18; daraus gehen fünf erzählende Texte von unterschiedlicher Länge hervor: Grigia,Ein Soldat erzählt (weiter verarbeitet in Die Amsel), Die Maus auf Fodara Vedla und Begräbnis in A.
{6} Dank der Schenkung Musils an die Wiener Stadtbibliothek 1935 sind die Entstehungsstufen von Slowenisches Dorfbegräbnis am besten dokumentiert. Den biographischen Hintergrund bildet die Versetzung des k.u.k. Oberleutnants Musil nach Adelsberg/Postojna am 28. April 1917. Inmitten der »ganz ländlich[en], schön[en] Gegend« (an A. Marcovaldi, 20. 5. 1917) notierte er in seinen Heften einige Eindrücke, darunter am 24. Dezember 1917, dass Schreinerjungen auf einem Handschlitten einen Sarg zu einem Trauerhaus transportierten (vgl. Heft II, S. 46). Im gleichen Heft entstand kurz darauf eine Skizze mit dem auch bei der ersten Veröffentlichung in der Prager Presse vom 25. Dezember 1921 gewählten Titel Begräbnis in A. (vgl. Heft II, S. 47f.) Dem Erstdruck liegt nicht die Handschrift zu Grunde, die er 1935 der Wiener Stadtbibliothek schenkte; sie bildet vielmehr eine frühere Entwurfsstufe, die noch ein Textelement enthält, welches allen späteren Fassungen fehlt, nämlich ein Bezug zum Tod im vorletzten Absatz, der die Nähe zum Krieg noch spüren lässt. Nach der Erstveröffentlichung in der Prager Presse wurde der Text noch drei Mal gedruckt, und zwar stets unter dem Titel Slowenisches Begräbnis. Wesentlich länger ist die Druckgeschichte von Das Fliegenpapier. Auf den Erstdruck dieses ältesten Textes innerhalb der Sammlung in der Monatsschrift Die Argonauten unter dem Titel Römischer Sommer (Aus einem Tagebuch) im Januar 1913 folgten zu Lebzeiten des Autors insgesamt sieben Einzelveröffentlichungen, die nur geringfügig voneinander abweichen. Damit ist Das Fliegenpapier der Spitzenreiter unter den Mehrfachabdrucken der Texte, die später in den Nachlaß zu Lebzeiten eingingen. So hoch die Wertschätzung der Kurzprosa Musils bei der heutigen Leserschaft auch sein mag, so gering wurde sie von Musil selbst geachtet. Ihm diente sie zum bloßen Gelderwerb, darum versuchte er jedes Stück so oft wie möglich zu verkaufen.
